Palitzsch

See you, see me.

Die unsichtbaren Leute

Heldentode haben wir erlitten,

fürs Vaterland mit Herz gestritten.

Fochten, starben, wurden Staub,

unsre Gräber bedecken Laub.

Man möge mir verzeihen, den Lauf meines Lebens nicht verstehen zu können, ich maße mir dies auch nicht an. Von Anfang an habe ich schreibend diese Welt erschlossen und die mir nach wie vor ein großes Rätsel ist.

Menschen gingen wie Fremde und Geister an mir vorüber, ihr Tun verstehe ich bis heute zu keiner Stunde des Tages. Beschäftigt mit Dingen des Goldes, des Ruhmes und des Fortkommens, versuchte ich dieser Betriebsamkeit meine Liebe zur Phantasie entgegenzustellen. Oft hörte ich Sagen, die mir die Bäume erzählten, aus tiefen Teichen sangen mir die Fische laute Choräle.

Bei den unzähligen Spaziergängen durch die Wälder meines Heimatdorfes kam ich stets am Moor vorbei, wo nachts glänzende Lichterscheinungen zu sehen waren. Verlorene Seelen, die über ihrem ehemaligen Zuhause wie Irrlichter schwebten. Vom tiefschwarzen Gesuppe ließ sich auch das Wetter ablesen. Wenn über dem Moor zu früher Stunde ein durchsichtiger Dunst lag und weit draußen schwarze Schwäne aufstiegen, konnten wir im Dorf mit einem schönen Tag rechnen. Nebel versprach dagegen schlechtes Wetter. Manchmal rauchte das Moor, gefolgt von heftigem Regen, lautem Donnerschlag, hellen Blitzen und kaltem Hagel. Und wenn das brackig-schlammige Moorwasser in leichten Wellen an das Ufer schlug, versteckten wir uns vor Angst in unseren Häusern. Oft folgten diesen Wellenschlägen schwere Stürme, einmal glaubten am nächsten Morgen alle im Dorf, nächtens gar ein kurzes Beben verspürt zu haben.

Doch nun will ich schriftlich Zeugnis ablegen über jene Vorkommnisse, deren Verlauf mein Leben völlig verändert haben. Sie machten aus mir einen Schreibenden und Träumenden, der bis heute in einer anderen Welt lebt. Davor mochte ich vielleicht Musiker oder Maler gewesen sein, danach war ich Wellenreiter und Phantast.

Die unsichtbaren Leute aus dem Moor waren schuld daran und ich bin schon seit langer Zeit auch einer von ihnen.

Bei einem meiner Spaziergänge durchs Moor hörte ich plötzlich ein leises Schnurren. Nicht wie das eines Katze, sondern wie einer Nähmaschine. Ich drehte mich um und sah nichts.

Weiter auf dem schmalen Weg unterwegs hörte ich dann hinter mir jemanden meinen Namen flüstern.

,,Globoli, Globoli.

Ich drehte mich wieder um – und sah wieder nichts.

,,Globoli, Globoli.

Ich fasste allen Mut zusammen und rief laut ins schwarze Nichts hinein.

,,Wer da?

,,Molfin aus Drobe, flüsterte es mir fast schüchtern entgegen.

,,Wer?

,,Molfin aus Drobe, mein Herr, und mit dem Verklingen des letzten Buchstaben wurde vor meinen Augen eine kleine, bucklige Gestalt sichtbar, die unter der Last von Waffen fast zusammenbrach. Zwei schwere Säbel, leichtere Degen, eine Armbrust und Lanzen hatte der kleine Kerl zu tragen. Ich sprang ihm bei, nahm ein Großteil seiner Waffenlast und legte sie ab. Erschöpft sank der bis vor wenigen Augenblicken noch Unsichtbare vor mir ins Gras.

Ich sah in die müden Augen des Mannes und fragte ihn, woher er komme und wohin er gehe.

,,Aus Drobe und nach Drobe zurück, antwortete er, um kurz danach weiter zu erzählen.

,,Drobe ist ein kleines Dorf, weit weit draußen auf einer Insel im Moor. Wenn nächtens die Drills unterwegs waren, schützten wir uns mit Unsichtbarkeit. Zu viele von uns wurden damals getötet.

,,Wer waren die Drills, fragte ich neugierig.

,,Schwarz gekleidete Panzerkrieger, die sich das Moor untertan machen wollten. Am Schluss haben wir dann doch gesiegt, aber all dies ist schon sehr lange geschehen.

Mein Interesse war hell erwacht und ich bat den Mann, mit mir zu gehen und seine ganze Geschichte zu erzählen. Molfin aus Drobe willigte sogleich ein und folgte mir über die schmalen Wege zurück ins Dorf.

Bei dampfenden Fencheltee saßen wir uns gegenüber, nachdem ich ihm ein heißes Bad im Holzzuber bereitgestellt hatte.

Molfin, bis zum Hals ins Wasser getaucht, sang seltsame Lieder, die ich nicht verstand. Seine Kehllaute übersprangen gleich mehrere Oktaven, mir war als ob ich einen ganzen Vogelschwarm singen hörte.

Er hatte sich am Tisch zurückgelehnt und ich stellte ihm die Frage, die mich seit unserem Zusammentreffen im Moor so stark beschäftigte.

,,Wie wird man unsichtbar?

,,Es ist ein alter Zauber, den Orhan der Reifling über uns gebracht hat. Schon Orhans Vater Kakarot hatte die Gabe, mit wenigen Worten ganze Gruppen verschwinden zu lassen.

,,Zeigst du es mir?, fragte ich ihn auffordernd.

Molfin von Drobe schrak zurück.

,,Niemals, es ist verboten.

,,Warum.

,,Weil es nur eine kleine Gruppe der unsichtbaren Leute geben kann. So schützen wir uns und das Moor. Jahrein. Jahraus.

Der kleine Mann beugte sich über seinen heißen Tee und verlor sich offenbar in seinen Gedanken.

So verging Strich um Strich an der Sonnenuhr.

Plötzlich rührte er sich, rieb sich die Augen wie nach einem tiefen Traum und begann zu erzählen.

,,Weißt du Globoli, unser Volk hat unter den Drills viel erlitten. Sie töteten erst unsere Kinder, dann entführten sie in den Nächten unsere Frauen, die wir nie wieder sahen. Und schließlich begannen sie, unsere Hütten zu zerstören. Die Fähigkeit, uns unsichtbar zu machen, hat uns das Leben gerettet, wenn auch nur wenige von uns übrig geblieben sind.

,,Habt ihr nicht gekämpft.

,,Aber doch Globoli, aber doch. Heldentode haben wir erlitten, fürs Vaterland mit Herz gestritten. Wir fochten, starben, wurden Staub, unsre Gräber bedeckt heute Laub. Freezer der Binder war unser König, seine Hand uns nie zu wenig. Schlacht um Schlacht ins Moor gezogen und dabei sind so viele Leben verflogen.

Ich schämte mich für mein Unwissen um die tiefe Trauer in Molfins Herzen. Und fühlte mich auf beängstigende Weise zum Moor hingezogen. Ich wollte Molfin nach Drobe folgen, wollte bei den Unsichtbaren sein und zum Flügelschlag der schwarzen Schwäne tanzen.

Oft ist es wichtig, ob man einen vorgegeben Weg nur geht oder neue Pfade betritt. Die Ankündigung dessen, was über mich und mein Haus kommen sollte, war unfreiwillig, geschah ohne Absicht aber voller Willen. Denke ich heute zurück, muss ich vor meinen Leuten im Dorf vor dem Abschied ins Moor komisch vorgekommen sein. Oftmals sah es so aus, als ob ich in ein Gebet versunken gewesen wäre. Dabei waren es aber nur unzusammenhängende Gedankenfetzen, die mich durcheilten. Ich war mir aber immer sicher, dass es Dinge, die ich mir nicht vorstellen konnte, auch nicht gab. So hatte ich bis zu meiner Begegnung mit Molfin aus Drobe immer nur geträumt.

Heute bin ich schon lange Zeit einer der unsichtbaren Leute, die mich wie einen verloren gegangenen Sohn in ihre Gemeinschaft aufgenommen haben. Weit draußen im Moor, wo der Wind warm durch das Geäst zieht und die Blätter von den Bäumen mit einem glockenhellen Singsang zu Boden fallen, bin ich heimisch geworden. Oft sitze ich mit Molfin am offenen Feuer und er erzählt mir von seiner Familie, von der ihm nur die Erinnerung geblieben ist. Von Zeit zu Zeit, wenn die Luft am frühen Morgen nach Sommer riecht, sitzt auch Orhan der Reifling bei uns, der die alten Formeln singt und uns unsichtbar macht.

Dann sind wir eins in unseren Gedanken und gerüstet für eine neue Zeit, die bald über das Moor kommen wird.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 31. Dezember 2014 von in Kurzgeschichten.

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