Palitzsch

See you, see me.

Geheimgespräche bei Metzelsuppe in Bietigheim

Der 1975 verstorbene Bietigheimer Glasfabrikant Emil Klumpp zählte in der Stadt zur schwäbischen Honoratiorengesellschaft. Er vollzog einen Gesinnungswandel von der SPD zur FDP, war Stadtrat, stellvertretender Bürgermeister und pflegte intensiven Kontakt zu Theodor Heuss. Bei ihm fanden politische Geheimgespräche bei kräftiger Metzelsuppe statt.

DSCF9361

Glasfabrikant Emil Klumpp.

Schönmünzach im Schwarzwald, heute ein Ortsteil von Baiersbronn, wird neben Buhlbach und Gaggenau, zu den bekanntesten Glasmacherortschaften in Baden-Württemberg gezählt. Bereits im 12. Jahrhundert wurden die ersten Hütten erwähnt, die letzten alten Glashütten produzierten bis ins 20. Jahrhundert.
Emil Klumpp, am 30. Januar 1891 in Schönmünzach geboren, entstammte ursprünglich einer Fischereifamilie und hatte sieben Geschwister. Mit zwei Brüdern ließ er sich zum Glasbieger ausbilden und kam 1908 nach Bietigheim. 1919 machte er sich, mit geringen finanziellen Mittel ausgestattet, auf der Bleichinsel selbstständig.
Um das Jahr 1920 herrschten auch in Bietigheim große soziale Nöte, Arbeitslosigkeit, Preissteigerungen und Geldknappheit. Es kam immer wieder zu Streiks, die am 1. September in einen Generalstreik mündeten, in dessen Folge die Stromversorgung lahm gelegt wurde. Im März 1921, nach dem Tode von Stadtschultheiß Mezger, waren Neuwahlen nötig. Dazu bewarben sich der spätere Sieger Christian Schmidbleicher und der Schnaidter Schultheiß Wendel. Beide Kandidaten trafen bei einer öffentlichen Versammlung am 17. März aufeinander, die von Emil Klumpp geleitet wurde.
Im Dezember 1922 zog Klumpp für die SPD bei der Gemeinderatswahl, neben dem Ortsvereinsvorsitzenden Wilhelm Martin, in das neunköpfige Gremium ein.
Klumpp engagierte sich ebenso bei den Landtags- und Reichstagswahlen im Mai 1924 für die SPD. Bei der Landtagswahl erhielt er nach dem Abgeordneten Fritz Ulrich den zweiten Listenplatz und Wilhelm Fauth den sechsten. Bis 1926 gehörte er der SPD an und war deren Vertreter bei der Amtsversammlung des früheren Oberamts Besigheim.
Mit der Machtausweitung der Nazis wurde es für demokratisch gesinnte Menschen in den folgenden Jahren immer schwieriger, politisch zu handeln.
Bei der konstituierenden Sitzung des Bietigheimer Gemeinderates am 5. Mai 1933 hatte die NSDAP sechs Sitze, vier gingen an die SPD, die Deutschnationale Volkspartei erhielt einen Sitz. Schon am 1. Mai 1933 waren die Gewerkschaften zerschlagen worden, damit war unter anderem auch das Ende der SPD eingeläutet.

SPD-Mitglieder ausgeschlossen

Die vier SPD-Mitglieder wurden am 13. Juli aus dem Gemeinderat ausgeschlossen. Wer sich in der Stadt quer stellte, den ereilten gehässige und diffamierende Ausschlusskampagnen. Die politische Tätigkeit fand von diesem Augenblick an unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Sozialdemokraten hatten einen schweren Stand in der Stadt.

Klumpp trat der im Jahre 1864 entstandenen Demokratischen Volkspartei, der heutigen FDP, bei. „Ich bin der SPDler in der FDP“, lautet ein überliefertes Zitat. Der Übertritt erfolgte, weil Klumpp befürchtete, in der SPD seine politischen, als auch beruflichen Ziele nicht verwirklichen zu können. Konspirative Treffen, bei denen man ungestört sprechen konnte, fanden in Form von Kartenspielrunden bei Klumpp im Wohnzimmer statt. Diese Gespräche am so genannten „runden Tisch“, behielt er auch nach Kriegsende bei.
In Bietigheim etablierte sich noch in den letzten Kriegsjahren ein illustrer Freundeskreis, der sich regelmäßig bei Klumpp zur Metzelsuppe traf.

DSCF9360

Links Theodor Heuss (1884 – 1963), der erste Bundespräsident der neu gegründeten Bundesrepublik, im Bietigheimer Freundeskreis.

Die liebenswerte Dame des Hauses, Karoline Klumpp, tischte der Männerrunde dabei nach einer kräftigen Wurstsuppe Platten mit heiß dampfenden Leber- und Griebenwürsten, Kesselfleisch, Sauerkraut und Kartoffelpüree auf.
Beliefert wurden die Klumpps von Metzgermeister Friedrich Dietz, der Wurst und Fleisch zur Verfügung stellte, wobei auch bei ihm ein solcher Stammtisch gepflegt wurde. Neben Klumpp nahmen bei Dietz Dr. Hardenstein von der Kammgarnspinnerei, Julius Messner, Inhaber der Schumacherschen Fabrik und Elektromeister Eugen Schöllkopf teil.
„Ein guter alter schwäbischer Rotwein trug dazu bei, einem solchen Abendessen ein urschwäbisches Gepräge zu verleihen“, erinnerte sich der langjährige Reichs- und Landtagsabgeordnete Wilhelm Keil in einem Aufsatz an die trinkseligen Zusammenkünfte im Hause Klumpp, an denen auch Karl Mai, nach Wiederherstellung der alten Gemeindeordnung am 4. April 1948 in Bietigheim zum Bürgermeister gewählt, oft mit am Tisch saß.
Jahr um Jahr erweiterte sich diese Gesprächsrunde, Jahr um Jahr gewann die „Bietigheimer Metzelsuppe“ mehr an Qualität.

Theodor Heuss schließt eine  Lücke

glasmacher01

Der historische Glasmacher.

Die Lücke, die durch den Tod des temperamentvollen Direktors der Linoleumwerke Stangenberger entstanden war, wurde bei den Zusammenkünften an der Enz im Jahre 1942 durch Theodor Heuss aufgefüllt, der dem Berliner Bombenhagel die Ruhe der schwäbischen Heimat vorzog. Heuss war dem Landstrich an Enz und Neckar Zeit seines Lebens eng verbunden.
In diesen Treffen liegt das Fundament der tiefen Freundschaft zwischen Emil Klumpp und dem späteren Bundespräsidenten. Klumpp konnte den politischen Aufstieg von Heuss hautnah mitverfolgen – und dieser folgte regelmäßig den Einladungen des Bietigheimer Glasfabrikanten.
Auch nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten blieb Heuss ein bescheidener Schwabe. Als ihn die Hausherrin einmal mit einem ehrfürchtigen „Grüß Gott, Herr Bundespräsident“ zum Metzelsuppe-Essen begrüßte, entgegnete er urschwäbisch: „Liebe Frau Klumpp, in dem Haus bin i dr Heuss.“ Dem steif-feierlichen Empfang der Freunde rief er anschließend ein scherzhaft-militärisches „Rührt euch!“ entgegen und sagte, die Zimmerluft im Hause Klumpp sei ihm gegenüber der Luft in den Bonner Amtsstuben eine „angenehme Abwechslung“.

Rotwein und Zigarren

Die Themen der Männerrunden, bei denen stets Rotwein und Zigarren dazu gehörten, waren dabei ganz unterschiedlicher Art. Wilhelm Keil erinnerte sich, dass beim Wein gute aber auch schlechte Witze erzählt wurden und zu später Stunde „die Geister jener vor uns aufstiegen, die den nazistischen Henkern zum Opfer gefallen waren“. Nur hie und da sei ein Streiflicht auf die Tagespolitik gefallen.
Emil Klumpp hatte inzwischen durch unermüdliche Arbeit seinen Betrieb zusammen mit Teilhaber Victor Arretz erweitert. Im Jahr 1953 bezog die Bietigheimer Glasmanukfaktur „Klumpp und Arretz“ ein eigenes Fabrikgebäude mit Büros in der Industriestraße.
Zahlreiche Betriebe in Bahnhofsnähe produzierten im Laiern und boten Arbeitsplätze für die aufstrebende Stadt. Neben der Glasmanufaktur waren dies unter anderem die Wäschefabrik Hugo Bezner, die vormals in Hohenstange ansässige Firma Zahnradfabrik Otto Meyle, die Verpackungsspezialisten Karl Huth und Söhne sowie die Firma Dental-Fabrikationen Dürr. Klumpp und Arretz produzierten alle möglichen Sorten von Glas: Sicherheitsglas für Fahrzeuge, Schutzbrillen, Gläser, die in der Uhren- und Möbelindustrie verwendet wurden und schließlich Spiegel aller Art. Sechs Jahre nach der Betriebsansiedlung am Laiern beschäftigte die Bietigheimer Glasmanufaktur rund 300 Arbeitnehmer.

1961, am Ende seiner Berufstätigkeit, konnte er seinen Betrieb noch mit den Vereinigten Glaswerken Aachen (Vegla) zur Firma Südglas Klumpp & Arretz GmbH verschmelzen. Nur wenige Jahre später spielte auf dem europäischen Glasmarkt der französische Konzern St. Gobain eine beherrschende Rolle.

logoÜber eine Zwischenholding bildete die Vegla eine hundertprozentige Tochter von St. Gobain, über sie wurden wiederum eine ganze Reihe von Untergesellschaften mit den verschiedensten Flachglassorten kontrolliert. Veredelungsprodukte wie Spiegel und Sicherheitsglas wurden von der Vegla-Tochter Südglas GmbH bis Anfang der 1970er-Jahre produziert.
Viele Jahre seines wohlverdienten Ruhestandes durfte Emil Klumpp im Kreise seiner Familie genießen, wobei er einem guten Viertele nie ganz abgeneigt war. Dies sei besser als jede Medizin glaubte er noch bis kurz vor seinem Tode. Klumpp starb am 10. Juli 1975. „In tiefer Trauer nimmt die Stadt Abschied von einem Manne, der durch seine große Erfahrung, seinen sachkundigen Rat und durch sein ausgleichendes Wesen die Entwicklung der Stadt beim Wiederaufbau maßgeblich geprägt hat“, würdigte man seine Verdienste in der Todesanzeige der Stadt Bietigheim.

Seit seinem Tode im Juli 1975 ruhte eine umfangreiche schriftliche Korrespondenz in zahlreichen Ordnern, in deren Mittelpunkt Briefe stehen, die Emil Klumpp intensiv mit FDP-Mitbegründer Theodor Heuss gewechselt hat. Die Freundschaft der aufrechten Demokraten wurde damit gehegt und gepflegt, aus der schriftlichen Materialfülle lässt sich die intensive Beziehung dieser beiden Persönlichkeiten nachvollziehen, die sich schätzen und vertrauten.
Der älteste erhaltene Heuss-Brief im Klumpp-Nachlass stammt aus dem Jahre 1949.

Bild_Mseum

Theodor Heuss Museum in Brackenheim. Hierhin kamen die Briefe von Emil Klump, die er seinem Freund geschrieben hat.

Der Präsident bedankt sich darin für die Glückwünsche zu seiner Wahl, darunter steht der Namenszug in blauer Tinte. Im letzten erhaltenen Schreiben vom 26. April 1961 entschuldigt sich Theodor Heuss bei Emil Klumpp dafür, dass er angesichts seiner Überforderung und Auslandsreisen keinen Termin für ein Zusammensein vorschlagen könne. So ebbten auch die alljährlichen Treffen zur Bietigheimer Metzelsuppe ab. Im Oktober 2004 wurden sieben erhaltene Briefe aus dem Nachlass, die der erste Bundespräsident an den Glasfabrikanten Emil Klumpp in den Jahren 1949 bis 1961 geschrieben hat, an das Theodor-Heuss-Museum in Brackenheim übergeben. Überreicht in die museale Obhut wurden die Briefe von Lisa Klumpp, Schwiegertochter des Fabrikanten, entgegengenommen haben die Briefe damals Bürgermeister Rolf Kieser sowie Harald Leibrecht und Richard Drautz vom Vorstand des Theodor-Heuss-Freundeskreises.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Folge mir auf Twitter

%d Bloggern gefällt das: