Palitzsch

See you, see me.

Schwarzes Gold

Wenn man alle Abenteuer hinter sich hat, bleibt nur noch eines übrig: Die Suche nach seltenen LPs und Singles. Vinyl, das schwarze Gold des Rock ’n‘ Roll-Zeitalters, ist beliebter denn je. Dafür sorgen Sammler, Händler, neue Vinyl-Magazine und eine Musikindustrie, die ein Stück vom Kuchen abhaben will. Eine Bestandsaufnahme, mit Fotos von Helmut Pangerl.

Auf Schallplattenbörsen geht es ruhig zu. Die jenseits der kommerziellen Einkaufsmöglichkeiten organisierten Zusammenkünfte sind Treffen, deren Besucher das Ziel verbindet, die eigene Plattensammlung um weitere Raritäten zu bereichern. Aber es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten, die zum Comeback des Tonträgers Schallplatte geführt haben. Neben der warmen Klangsignatur einer LP sind es die oft kunstvoll gestalteten Cover und das Auflegen einer Platte, das von wahren Vinyl-Fans als Ritual gepflegt wird. Auf Plattenbörsen tauschen diese Insider Informationen über seltene Platten aus, unterhalten sich über Bootlegs sowie Originalpressungen und knüpfen neue Kontakte zu Gleichgesinnten – dies alles in einem zurückhaltenden Ton. Man will ja nicht stören. Schließlich ist der allergrößte Teil der Besucher konzentriert über Kisten voller LPs gebeugt und arbeitet sich mit flinken Fingern auf der Suche nach dem schwarzen Gold durch das Angebot. Der eine bevorzugt Blues, der andere dessen Abkömmlinge Jazz, Rock ’n‘ Roll und Soul. Ist erst einmal eine Platte gefunden, wird sie aus der Verpackung gezogen, vorsichtig am Rand gehalten, und anschließend mit einem Kennerblick geprüft, ob auf der schwarzen Scheibe vielleicht Kratzer zu finden sind, ob sie eine Delle hat oder zu stark verstaubt ist. Alles Gründe für den Käufer, um mit dem Händler neu über den Preis zu verhandeln.

Schallplatten- und CD-Börse

Ludwigsburg, Schallplatten- und CD-Börse, Forum am Schlosspark. Prüfender Blick auf eine LP. Foto: Helmut Pangerl

In Ludwigsburg treffen zwei Mal im Jahr Händler und Vinyl-Fans aufeinander. Die Plattenbörse im Forum am Schlosspark kann zwar nicht mit den großen Börsen in Fellbach oder Karlsruhe konkurrieren, genießt bei Kennern dennoch einen guten Ruf. „Ich bin ganz auf Schallplatten fixiert, kaufe aktuelle Sachen selten, sondern nur Musik, die mir gefällt“, sagt Nils Ruthardt, ein Gitarrist aus Stuttgart. Er ist mit der Musik der 1960er Jahre aufgewachsen, und will in Ludwigsburg seine Sammlung aufstocken. Musikalisch querbeet und genreübergreifend. Marco Emm aus Reutlingen, hat erst vor zwei Jahren damit begonnen, seine Vinyl-Sammlung wieder aufleben zu lassen. Als es in den 1990er Jahren so gut wie gar keine Schallplatten mehr zu kaufen gab, habe er sich als eiserner CD-Gegner nach langem Zögern dann doch dazu entschlossen, einen Player für die kleinen Silberscheiben zu kaufen. Einfach um den Anschluss nicht zu verlieren. Jetzt hat er das Vinyl wieder neu entdeckt. Dazu nimmt er von Reutlingen aus lange Wege auf sich und besucht im Umkreis von bis zu 150 Kilometern alle Plattenbörsen. „Gerade kaufe ich die Platten der 1980er Jahre wieder nach“, sagt der Sammler, der nicht viel von Reissues, den LP-Wiederveröffentlichungen, hält. „Das ist doch alter Wein in neuen Schläuchen“, sagt Emm, und zieht zur nächsten Schallplattenkiste weiter.

Dabei gibt es die Möglichkeit, Musik völlig losgelöst von ihrer Entstehung zu konsumieren, noch gar nicht so lange. Erst im 20. Jahrhundert trat sie ihren Siegeszug auf Tonträgern durch die Welt an. Edisons Walzenphonograf folgte von dem deutschen US-Einwanderer Emil Berliner 1887 – vor 130 Jahren – die erste Schallplatte aus Zinkblech. 1946 sorgte Peter Goldmark, Ingenieur bei der US-Plattenfirma CBS, mit einer erste Vinyl-Platte von Frank Sinatra für das Ende der Schellackplatte. 1981 wurde auf der Berliner Funkausstellung die erste Compact Disc (CD) vorgestellt, die sich kommerziell schnell durchsetzte. 1985 war das Album „Brothers in Arms“ von Dire Straits die erste CD, die mehr als eine Million Mal über den Ladentisch ging. Die Entwicklung des mp3-Formats, Napster, iTunes, Spotify und YouTube gaben der schwarzen Scheibe fast den Rest. Nur Szenen wie Techno, HipHop und Reggae hielten in Nischen eisern an Vinyl-Produktionen fest.

Folgt man den aktuellen Zahlen, die der Bundesverband der Musikindustrie (BVMI) in seinem aktuellen Jahrbuch 2016 veröffentlicht hat, gibt es keinen Hype um die Schallplatte, aber inzwischen einen ablesbaren Trend. Der Verband hat fast den kompletten Überblick über das Musikgeschehen, vertritt er doch die Interessen von rund 250 Tonträgerherstellern und Musikunternehmen, die mehr als 80 Prozent des deutschen Musikmarkts repräsentieren. Demnach sind die Vinyl-Umsätze in den letzten Jahren stetig gestiegen. 2016 war dieser Tonträger bei den 50- bis 59-Jährigen am beliebtesten, rund jeder dritte mit Schallplatten verdiente Euro stammte von ihnen. Eine starke Verschiebung, so der BVMI, ergab sich im Vergleich zu 2015 bei den 40- bis 49-Jährigen, auf die statt 16,7 Prozent nun 29,6 Prozent der Vinyl-Umsätze entfallen. Markant ist das Kaufverhalten der 20- bis 29-jährigen Musikkonsumenten. 9,1 Prozent geben Geld für CDs aus, 17,3 für Downloads und 18,8 Prozent für Vinyl. Damit lernt diese Altersgruppe den Umgang mit Schallplatten erste ganz neu kennen.

Allerdings muss man den Vinyl-Boom zum Gesamtwachstum der Musikindustrie, 2016 waren es drei Prozent, in Relation setzen. Die CD allein erreichte nach Angaben des BVMI trotz eines Minus von knapp neun Prozent immer noch rund 54 Prozent Umsatzanteil im Gesamtmarkt. Vinyl kommt durch ein Plus von 40 Prozent inzwischen auf 4,4 Prozent. Audio-Streaming liegt bei 24,1 Prozent Umsatzanteil, die Downloads bei 12,2 Prozent.

Schallplatten- und CD-Börse

Ludwigsburg, Schallplatten- und CD-Börse, Forum am Schlosspark. Die intensive Suche nach dem schwarzen Gold. Foto: Helmut Pangerl

Obwohl das Wachstum des Vinyls nachhaltig ist und sich die totgesagte Schallplatte so gut verkauft wie seit Jahren nicht mehr, taucht immer wieder die Frage auf, ob die Begeisterung für das „schwarze Gold“ nun doch nur ein hitziger Retro-Hype ist oder immer mehr Genres und Musikfans erfasst. Dietmar Seckinger, Schallplattenhändler aus Reutlingen, hat hinter seinem Stand im Ludwigsburger Forum eine einfache Erklärung. Hohe Preisklassen und die vielbeschworenen 180-Gramm-Schallplatten seien nichts anders als ein Mode. „Ein Sammler sucht nur das Original“, ist der 60-Jährige aus Reutlingen überzeugt, den Vinyl schon sein Leben lang begleitet. Auf Plattenbörsen glaube jeder Händler, mit Raritäten auftrumpfen zu können. Seckinger selbst sieht es pragmatisch: „Hier bekomme ich meine billigen Sachen los, weil es kaum Konkurrenz gibt.“ Die schwarzen Perlen seiner Zwei-Euro-LPs und Doppel-LPs für zehn Euro sind dann auch schnell ausgeräumt. Wer bei Seckinger zu spät kommt, muss sich mit Durchschnittsware aus dem Pop-Mainstream begnügen.

So ist es der Preis, der im anhaltenden Vinyl-Boom die Musik macht. Während auf Schallplattenbörsen durchaus viel Geld für eine gut erhaltene Original-LP bezahlt wird – ganz hoch im Kurs stehen die Beatles – haben auch Großhändler und der japanische Elektronikkonzern Sony entdeckt, dass man mit Schallplatten wieder Umsatz machen kann. Sony, in den 1980er Jahren maßgeblich an der Entwicklung der CD beteiligt, möchte nach 30 Jahren Pause wegen steigender Nachfrage im kommenden Jahr wieder Vinyl-Platten auf den Markt bringen. Das Unternehmen sucht deshalb ältere Fachkräfte, die noch wissen, wie man Schallplatten herstellt.

Schallplatten- und CD-Börse

Ludwigsburg, Schallplatten- und CD-Börse, Forum am Schlosspark. Johnny Hallyday für insgesamt 130 Euro. Foto: Helmut Pangerl

Im Media Markt im Ludwigsburger Breuningerland fristeten zusammengewürfelte Langspielplatten vor mehr als einem Jahr noch in schmucklosen Holzkisten ihr Dasein als Mauerblümchen. Alles war auf CDs ausgerichtet. Nach einer Umbauphase stehen jetzt in sechs Regalreihen mit jeweils sechs Metern Breite Schallplatten aus allen Musikrichtungen. Die Auswahl ist beeindruckend. Manchmal gibt es Sonderaktionen für 15 Euro pro Platte, aber kaum eine LP ist merklich unter 20 Euro zu haben, während ein Gang weiter die CD-Version nur 13 Euro oder noch weniger kostet. Trotzdem greifen Kunden immer häufiger zur Vinyl-Version, was nicht zuletzt für den Boom gesorgt hat.

Die Preise für LPs sind „absolut“ gerechtfertigt, sagt Andreas Kohl, Manager im derzeit weltweit führenden Schallplattenpresswerk Optimal Media. Eine Vinyl-Produktion sei schon allein durch den Material- und Energieaufwand um ein Vielfaches höher, als die Herstellung einer CD. Während sich bei einer CD mit hoher Auflage die Stückkosten immer weiter verringern, pendeln sich bei einer LP ab einer Auflage von 8000 bis 10000 Stück diese Kosten auf einem gleichbleibenden Level ein. Kohl sieht die Ursachen in der wachsenden Vinyl-Begeisterung nicht in aufwändigen Marketingkampagnen, sondern in einer Antihaltung zu den Mechanismen und fest verankerten Strukturen der Kulturindustrie. „Vinyl war für viele kleine Independent-Labels lange Zeit ‚das‘ Format, das sie außerhalb von verkaufsstrukturellen Perversionen großer Major-Konzerne kalkulieren und gewinnbringend verkaufen konnten“, erklärt der Musikmanager.

Der weit verbreiteten Meinung, der Vinyl-Boom führe zu Produktionsengpässen, verbunden mit allen negativen Begleiterscheinungen für kleine Labels, die etwa wegen geringer Auflagen länger als die großen Majors auf ihr Endprodukt warten müssten, mag sich Kohl schon aus eigener Erfahrung nicht anschließen – weil er beide Seiten der Medaille kennt. Beim seinem eigenen Label „Exile on Mainstream Records“ dauert eine Vinyl-Produktionen rund zehn Wochen, weil viele Details abgearbeitet werden müssen und sich der Veröffentlichungstermin ganz einfach hinten einreiht. „Manchmal habe ich den Eindruck, Labelarbeit bedeutet heute nur noch das Ausfüllen von Exel-Tabellen“, sagt Kohl. Eine Vinyl-Produktion bestehe nun einmal aus vielen einzelnen Schritten, die ihre Zeit benötigen. Die Herstellung erfordere handwerkliches Geschick, Fingerspitzengefühl und das Beherrschen entsprechender Maschinen. Hinzu kommen im Presswerk mechanische und chemische Verfahren, die nicht industrialisiert werden können. Engpässe, wie sie oft beschrieben würden, sind für Kohl daher keine wirklichen Engpässe, sondern das Prinzip als auch Ausdruck für die Faszination der Schallplatte – und damit quasi eine Limitierung. Die Schallplatte sei auch nicht mehr zeitgemäß, gehöre damit der Vergangenheit an und stelle letztendlich die konsequente Antithese zu allem dar, „was eine konsumgeile Gesellschaft definiert“, sagt Andreas Kohl.

Platten

Blick auf eine Schallplattensammlung. Foto: Jörg Palitzsch

Die Faszination für Schallplatten wird unterdessen auch von neuen Magazinen befeuert, die sich als Bindeglied zwischen den Sammlern und der vielfältigen Szene verstehen. „Vinyl Stories“ sieht sich als sogenanntes Bookazine, eine Zwitter aus Buch und Magazin. Die Stories beleuchten in längeren Geschichten das Thema Vinyl aus unterschiedlichen Perspektiven und stellt Menschen vor, für die Schallplatten mehr als nur Tonträger sind. „MINT“ hebt im Untertitel den eigenen Anspruch hervor. Das „Magazin für Vinyl-Kultur“ spannt einen großen Bogen: In der neuesten Ausgabe erfährt man etwa, dass Hamburg und nicht Berlin die heimliche Vinyl-Hauptstadt ist, Sound-Labels sowie Sammler werden vorgestellt und zahlreiche LP-Besprechungen zu Neu-Veröffentlichungen und Reissues zählen zum inhaltlichen Service. „Vinyl – Das Schallplattenmagazin“ setzt ebenso auf LP-Besprechungen, deren grafische Gestaltung besonders betont wird. Die neuen Magazine geben nicht nur tiefe Einblicke in die Welt der Schallplatten, sondern den Lesern auch brauchbare Tipps zum Kauf für den richtigen analogen Plattenspieler plus Anlagenkomponenten in allen Preisklassen. So entfaltet der anhaltende Vinyl-Boom seine Wirkung auf Umsatz und Absatz von Plattenspielern. Die 1973 von den elf führenden Unternehmen der Unterhaltungselektronik gegründete „gfu Consumer und Home Electronics GmbH“ hat für 2016 eine Steigerung beim Verkauf von Plattenspielern von 106000 Geräten vermeldet, eine Plus von 33 Prozent gegenüber 2015. Der Umsatz stieg um knapp 50 Prozent auf 23 Millionen Euro. Bis Ende 2017 erwartet die Branche einen Absatz von 117000 Geräten, die Umsatzprognose liegt bei 27 Millionen Euro. Gab der Vinyl-Fan 2015 für einen Plattenspieler noch durchschnittlich 192 Euro aus, liegt die Prognose für 2017 bei 229 Euro.

retro lidl

Retro-Plattenspieler von Lidl.

Selbst Discounter beteiligen sich am Boom der Schallplatte. Ein Lidl-Plattenspieler mit USB-Verbindung zur Umwandlung von Platten in digitale Musikdateien für 70 Euro ist schon lange ausverkauft, als Ersatz gibt es im Online-Handel des Unternehmens ein Retro-Modell für 58 Euro. Seit dem 30. März hat auch Aldi Nord ein Abspielgerät für Schallplatten im Angebot, das nicht nur Vinyl, sondern auch Kassetten digitalisiert. Der Preis liegt bei 50 Euro, wobei das Gerät eher für die Digitalisierung gedacht ist.

Wenn jetzt die Nachfrage nach Vinyl wieder ansteige, steige auch das Interesse daran, was eine Schallplatte repräsentiere, sagt Musikmanager Andreas Kohl. „Musik als Genuss, der eine Auseinandersetzung erfordert, die Wichtigkeit des Artworks, die Begeisterung für die Abspieltechnik, die haptische Erreichbarkeit der Musik – und ihrer Verpackung“, bringt er den Vinyl-Boom auf den Punkt. Und in einem ist er sich ganz sicher. „Haptisch, ökonomisch und psychologisch war die Schallplatte immer da“.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 28. Oktober 2017 von in Hirnfutter und getaggt mit , , , , , , .

Folge mir auf Twitter

%d Bloggern gefällt das: