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Konrad Kujau: Meisterfälscher aus Bietigheim

Irgendwann einmal hat Konrad Kujau den Überblick verloren. Am 6. Mai 1983 verließ er sein Haus in Bietigheim-Bissingen und machte sich aus dem Staub. Die Nachrichtenagenturen hatten vermeldet, dass die Hitler-Tagebücher Fälschungen sind, einen Tag später wird Konrad „Fischer“ als Konrad Kujau enttarnt. Vom „Stern“, dem er den grösstmöglichen Schaden zugefügt hatte.

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Konrad Kujau, Meisterfälscher aus Bietigheim-Bissingen.

Konrad Kujau war ein überaus liebenswerter Mensch mit stark entwickeltem Ego. Der geniale Fälscher wurde 1985 wegen Betrugs zu vier Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt, wegen seiner Kehlkopfkrebs-Erkrankung aber nach drei Jahren entlassen.

Einen ganz besonderen Draht hatte Kujau in dieser Zeit zum „Amsel“-Fest in Ingersheim, das jährlich auf dem Pausenhof der Schillerschule stattfand. Kujau fälschte dafür die Werke großer Meister, der Versteigerungserlös floss auf das Konto der „Amsel“-Kontaktgruppe in Bietigheim-Bissingen. Der Initator des Ingersheimer „Amsel“-Festes, Kurt Rall, hatte stets alle Hände voll zu tun, besonders stolz war er auf die Angebote für die Kujau-Bilder, die noch vor der Versteigerung bei ihm abgegeben wurden. Hohe Summen, die in der Dorfgemeinschaft mit Staunen zur Kenntnis genommen wurden. 1989 erzielte ein von Kujau gefälschter Dali 3000 Mark.  Ein Jahr später war beim „Amsel“-Fest die Fälschung „Ernte im Voralpenland“ des niederländischen Malers Vincent von Gogh inklusive breitem Holzrahmen im Angebot.

Die Versteigerung im überdachten Teil des Pausenhofes der Schillerschule geriet zu einer Veranstaltung mit hohem Glamourfaktor. Einen Tag vorher hatte Rall bereits ein Angebot von 4500 Mark auf dem Tisch. Auf dem Festplatz ging es dann Schlag auf Schlag, schnell war die Grenze des normalen Bieters überschritten. Ein Ingersheimer Geschäftsmann erhielt schließlich den Zuschlag für 6100 Mark, bis dato beim „Amsel-Fest“ der Höchstpreis für eine Kujau-Fälschung. Der Fälscher selbst krächzte, bedingt durch seinen Kehlkopfkrebs, bei der Scheckübergabe an die „Amsel“ nur ein kurzes „Klasse“ und verbat sich bohrende Fragen zum Thema Hitler-Tagebücher. 6100 Mark Erlös war für die Fest-Veranstalter eine gewaltige Summe, der Fälscher lachte dann doch etwas leise in sich hinein.

Konrad Kujau schwamm Anfang der 1980er-Jahre im Geld. Der Fälscher lebte damals schon lange mit seiner Lebensgefährtin Edith Lieblang zusammen. Im Frühjahr 1962 hatte er die Serviererin kennengelernt, sie kam, wie er, aus der ehemaligen DDR.
Im Februar 1981 übergab Kujau die ersten drei gefälschten Hitler-Tagebücher an den windigen „Stern“-Reporter Gerd Heidemann. Der Verlag Gruner + Jahr legte dafür – pro Band – 85.000 Mark auf den Tisch. Wobei man Heidemann später den Vorwurf machte, an Kujau nur 60.000 Mark bezahlt und den Rest in die eigene Tasche geschoben zu haben. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich beim „Stern“ der Hype um die Tagebücher schon verselbstständigt, rationale Erklärungen und Hinweise auf die Fälschungen, etwa des Historikers Eberhard Jäckel, stießen im Verlag auf taube Ohren. Die Mega-Story vor Augen, erhoffte sich der „Stern“ internationales Renommee. Auf dem Markt der politischen Magazine herrschte zudem hoher Konkurrenzdruck, Woche für Woche ging es darum, wer welche Geschichte zuerst im Blatt hatte.

So drehte sich die Spirale der Unvernunft immer schneller und beim bis dahin als seriös geltenden „Stern“ wurde jede journalistische Sorgfaltspflicht außer acht gelassen. Schon im Juli 1981, Gerd Schulte-Hillen hatte bei Gruner + Jahr den Vorstandsvorsitz übernommen, zahlte der Verlag zunächst 100.000 Mark, später sogar 200.000 Mark pro Tagebuch des Fälschers Kujau. Bis zum Oktober 1982 wurden 6,7 Millionen Mark für die Kladden mit den angeblich schriftlichen Erinnerungen des Führers ausgegeben, die Konrad Kujau wie am Fließband geschrieben hat. Am Ende waren es dann insgesamt 9,3 Millionen Mark, die in den Sand gesetzt wurden.
Und der „Stern“ ließ sich von Kujau gleich in doppelter Hinsicht täuschen.

Der Verlag zog den Rat des Züricher Schriftexperten und Kriminalwissenschaftlers Dr. Max Frei-Sulzer als auch des amerikanischen Experten Ordway Hilton heran und ließ Auszüge aus den Tagebüchern mit vermeintlich anderen Handschriften Hitlers vergleichen. Beide kamen zu dem übereinstimmenden Ergebnis, dass die Niederschriften echt seien. Was alle nicht wussten: Die von beiden herangezogenen Handschriften stammten auch aus der Feder des Fälschers Konrad Kujau, so wurde Gleiches mit Gleichem verglichen.

Am 8. März 1983 entschloss sich der „Stern“, die Tagebücher doch zu veröffentlichen. Daran änderte auch der Einwand eines Experten des Bundeskriminalamtes nichts, der Reporter Heidemann darauf hinwies, dass Seiten aus den Tagebüchern mit einem Aufheller bearbeitet worden seien, der in der Papierherstellung erst seit den 1950er-Jahren angewandt wurde.

Auch Konrad Kujau beschleichen zu diesem Zeitpunkt Zweifel, ob alles gut geht.

Heidemann rief mich an und sagte, wir haben ein Gutachten, die Tagebücher sind echt. Und ich sagte mir, bist du denn der Scheiß-Hitler? Es geht doch nicht an, dass diese Leute die Tagebücher alle für echt halten. Ich war noch im Begriff, das letzte Tagebuch zu fertigen, gucke ich mir die Heute-Sendung an im ZDF, und plötzlich erscheint der Stern als erste Meldung. Die Sensation war perfekt, Hitlers Tagebücher sind gefunden worden. Ich rief Heidemann an und sagte, ‚du pass auf, das ist eine Nummer zu groß, jetzt kriegen wir Knast, und ich sprach von fünf Jahren. Und viel weniger ist es ja auch nicht geworden, bei mir waren es viereinhalb“, wird der Fälscher in einem Beitrag des Deutschlandfunk zitiert.

Die Präsentation der angeblich nach einem Flugzeugabsturz aufgefunden Hitler-Tagebücher war dann tatsächlich ganz großes Medien-Kino – Hitlers ganz privater Alltag, frank und frei nach Konrad Kujau.

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Alles falsch: Auch der Personalausweis Hitlers.

Auf einer groß angelegten Pressekonferenz am 25. April 1983 wurde der Fund der Tagebücher verkündet und vollmundig behauptet, die Geschichte des Dritten Reiches müsse in großen Teilen neu geschrieben werden. 15 Fernsehteams und Hunderte von Journalisten drängten sich in dem Raum. Reporter Gerd Heidemann streckte mit einem Siegerlächeln und dem Victory-Zeichen Kladden in die Kameras seiner Kollegen, auf denen die falschen Initialen „FH“ – und nicht „AH“ – zu sehen waren.

In der später von Helmut Dietl gedrehten oscarnominierten Komödie „Schtonk!“ wird gezeigt, warum Kujau „FH“ auf die dunklen Kladden kleben musste. Anscheinend gab es in seinem altdeutschen Blech-Buchstaben-Sammelsurium kein „A“ mehr, also verwendete er einfach das ähnlich aussehende „F“.

Völlig ad absurdum führt der Film diesen Vorgang, als beim „Stern“ auf höchster Verlagsebene darüber gerätselt wird, was wohl „FH“ heißt. „Führers Hund“ ist ebenso wenig glaubhaft, wie „Führer Hitler“. Schließlich einigt sich die Runde, fast wie selbstverständlich, auf „Führerhauptquartier“ – was sonst?

In all dem Trubel meldete in einer Fernsehsendung der damals noch als seriös geltende Historiker und spätere Hitler-Verehrer und Holocaust-Leugner David Irving ebenfalls große Zweifel an den Tagebüchern an: „Die Indizien liegen auf der Hand. Alle Hitler-Biographen werden bestätigen, niemand, nicht die Sekretärinnen, die Adjutanten, die Ordonanzen haben je gesehen, dass Adolf Hitler je ein Tagebuch geschrieben hat. Auch nach dem 20. Juli, dem schweren Bombenattentat gegen sein Leben, das auch seine rechte Hand getroffen hat, schreibt er weiter. Es gibt kein einziges Handschreiben Hitlers nach dem 20. Juli. Er hat nur noch Unterschriften geleistet. Ich bedauere auch, dass keine chemische Untersuchung der Tinte vorgenommen wurde. Das kann der Stern jetzt nachholen“.

Am 28. April 1983, drei Tage nach der spektakulären Pressekonferenz, lief im „Stern“ die Veröffentlichung der Hitler-Tagebücher als Serie an.

Nur wenige Tage später, am 6. Mai, ist der ganz Zauber vorbei. Die Nachrichtenagenturen berichten schon am frühen Nachmittag über die gefälschten Hitler-Tagebücher. Bislang ignoriert wurden die historischen Fehler in den Aufzeichnungen, ebenso wie die Tatsache, dass Adolf Hitler als notorisch schreibfaul galt.

Nicht mehr ignorieren konnte man Untersuchungen des Bundesarchives und des Bundeskriminalamtes. Dort kam man übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass das verwendete Papier für die Tagebücher aus der Nachkriegszeit stammte und auch die Tinte der meisten Dokumente nicht älter als zwei Jahre war.

Stern“-Gründer Henri Nannen holte bei den Drucktechnik- und Textilexperten der eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt „empa“ in St. Gallen noch eine zweite Meinung ein. Auch dort stellte man nicht nur optische Aufheller im Papier fest, die die Industrie erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt hat, auch die Bindfäden der Tagebücher, zum allergrößten Teil aus Polyamid des Typs 6.6 sowie Polyester, wurde in Deutschland erst ab 1946 produziert. Noch jüngeren Datums waren jene roten Siegelkordeln aus Baumwollzwirn, mit denen Kujau die Tagebücher verschlossen wurden. Die waren mit einem Reaktivfarbstoff gefärbt, der erst 1956 auf den Markt kam.

Die Untersuchungsergebnisse waren ein Fiasko für den „Stern“, Hitlers Tagebücher waren nachweislich erst nach 1945 geschrieben worden.

Hier geht es zur Bildergalerie über den Kujau-Sammler Marc-Oliver Boger.

http://www.swp.de/bietigheim/bilder/cme1191079,1104244

Das Magazin begann unmittelbar danach mit der Selbstreinigung. Nannen beauftragt umgehend Ressortleiter Michael Seufert, alle Hintergründe des Skandals ohne Rücksicht auf Verluste zu recherchieren und zu veröffentlichen.

In seinem Reihenhaus im Friederikele 10 in Bietigheim-Bissingen machte sich am 6. Mai 1983 „Professor Dr. Kujau“ mit Lebensgefährtin Edith Lieblang auf und davon. Kujau war von Ditzingen 1981 in dieses Reihenhaus gezogen. Die Rollläden wurden herabgelassen, er aktivierte die Alarmanlage und ließ den Schlüssel von innen stecken. Der Nachbarin sagte Kujau, dass er etwas mit der „Stern“-Geschichte zu tun habe und erst einmal Urlaub machen müsse. Daraufhin verschwand er.

So erreichte ihn auch der Leiter des Frankfurter „Stern“-Büros, Rudolf Müller, nicht mehr, der, von Seufert schnell nach Bietigheim-Bissingen geschickt, vor dem verschlossenen Gartentor stand, auf dem das württembergische Wappen „Furchtlos und treu“ prangte.

Zur selben Zeit teilte Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann einer verblüfften Öffentlichkeit mit, dass die an das Bundesarchiv überreichten Unterlagen nicht von „Hitlers Hand“ stammen können. Hans Booms, Chef des Archivs, beschrieb die angeblichen Tagebücher als „unglaublich oberflächliche und plumpe Fälschung“, in den Aufzeichnungen sei nur Banales zu erfahren. Am Abend des selben Tages leistete Henri Nannen vor der Öffentlichkeit Abbitte.

Wir haben Grund, uns vor unseren Lesern zu schämen“.

Konrad Kujau war inzwischen über die Grenze nach Östereich geflüchtet, erst nach und nach wurde er als Fälscher der Hitler-Tagebücher identifiziert. Drei Tage nach Bekanntwerden der Fälschung wird der Name des Militaria-Händlers Konrad Kujau in einer Stuttgarter Tageszeitung genannt, Stefan Aust, der spätere Chefredakteuer des „Spiegel“, enthüllt Kujau in der Sendung „Panorama“. Plötzlich war alles über ihn bekannt: Sein Handel mit Reliquien aus der Zeit des Dritten Reiches, bekannt in den Stuttgarter Etablissements, wo er sich angeblich als „General“ feiern und mit leichten Damen öfters die Sektkorken knallen ließ.
Am 12. Mai schwappte die Welle nach Bietigheim-Bissingen. Zivile Ermittler, uniformierte Polizeibeamte und unzählige Vertreter internationaler Medien versammelten sich von dem Haus im Friederikele, die Staatsanwaltschaft beschlagnahmte kistenweise Beweismaterial. Einer der Ermittler zu diesem Zeitpunkt war Erster Kriminalhauptkommissar Klaus Reinhard, 14 Jahre lang Leiter der Kriminalpolizeiaußenstelle Bietigheim.

Der Druck auf das künstlerische Genie nahm beachtlich zu.

Am 14. Mai 1983 stellte sich der flüchtige Konrad Kujau schließlich den Behörden, weil er wohl Angst hatte, alleine für die neun Millionen Mark geradestehen zu müssen, die der „Stern“ für die wertlosen Tagebücher bezahlt hatte. Nachdem er Lügenmärchen über Spuren, die angeblich in die DDR führten, aufgetischt hatte, legte er 13 Tage später ein umfangreiches Geständnis ab.

Kujau räumte ein, die Tagebücher innerhalb von zwei Jahren geschrieben zu haben, unter anderem auch in Bietigheim-Bissingen. In der Untersuchungshaft verblüffte er seine Mithäftlinge damit, dass er die Schrift des Führers immer noch perfekt und flüssig schreiben konnte.

Im August 1984 fühlte sich des Führers Fälscher zum Prozessauftakt als Medienstar. „Conny“ im Blitzlichtgewitter der Fotografen, ein durchaus moderner Schalk, der Historiker, Schriftexperten und Konzernchefs hereingelegt hatte. Nach gut einem Jahr Prozessdauer hatte sich all dies gelegt.

Das Hamburger Landgericht verurteilte ihn zu vier Jahren und sechs Monaten, Gerd Heidemann zu vier Jahren und acht Monaten Freiheitsentzug. Nicht angeklagt waren die Verantwortlichen des „Stern“, die diesen Medien-Skandal erst möglich machten.

Die Haft, wenn auch verkürzt, ging nicht spurlos an ihm vorbei. Eine Kehlkopfoperation führte zur Haftunterbrechung aber vor allen finanziell war Konrad Kujau am Ende. Das Finanzamt versteigerte seine Militariasammlung, um Steuernachforderungen in Millionenhöhe einzutreiben. Hinzu kamen Kosten für Anwälte, ebenfalls in Millionenhöhe. Als das Finanzamt ihn immer noch verdächtigte, weit mehr als zugegeben auf die Seite geschafft zu haben, polterte Kujau: „Dann grabt doch meinen Garten um“.

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Ein falscher Miro

Nach seiner Haftentlassung lebte Konrad Kujau wieder in Bietigheim-Bissingen und nutzte seine Popularität aus. In Stuttgart offerierte er in einer eigene Galerie die gefälschten Werke großer Meister. Seine Bilder fanden oft für Tausende von Mark reißenden Absatz und wurden in Vorstandsetagen und Ministerien aufgehängt. Dem Meisterfälscher setzte man in der Kino-Komödie „Schtonk“ in der Rolle mit Uwe Ochsenknecht, gedreht von dem am 30. März 2015 gestorbenen Regisseur Helmut Dietl, ein filmisches Denkmal.

Im realen Leben zeigte Konrad Kujau ein großes Herz für an Krebs erkrankte Kinder und alte Menschen. So spendierte er im Dezember 1997 die Nikolausfeier für das Altenheim in Freudental und stellte dafür den Erlös einer Bilderversteigerung in Höhe von über 20.000 Mark zur Verfügung. Er bemalte mit Kinder Spielplatzwände, signierte von ihm gestaltetet T-Shirts, produzierte mit einer Stuttgarter Rockband eine CD und fälschte als „Bundeskanzler“ ein Glückwunschschreiben an den Boxer Axel Schulz. Kujau bemalte eine große Zielscheibe für die Bietigheimer Schützengilde zur Einweihung der neuen Luftgewehrhalle und war oft geselliger Gast in Bissinger Gaststätten.

1999 trat er dann auch noch als Schriftsteller in Erscheinung und veröffentlichte sein „Kulinarisches Geheimarchiv“, in dem sich die ganze Bandbreite seines Schaffens abbildet. Das Buch mit unveröffentlichten Tagebuchnotizen und Lieblingsrezepten promineneter Persönlichkeiten ziert auf dem Deckel eine Zeichnung des von Kujau hochverehrte Friedrich des Großen. Das Echtheitszertifikat für das Buch ist unter anderem von Bill Clinton, Michail Gorbatschow, dem Dalai Lama, der Queen und Fidel Castro unterschrieben. „Mit diesem Buch können Sie sich fühlen wie die Großen, Klugen, Reichen, Mächtigen und Schönen dieser Welt. Kochen Sie einfach Ihr Lieblingsgericht nach, lesen Sie die Biographie, verinnerlichen Sie den Charakter an Hand der Handschrift“, schreibt Kujau in seinem Vorwort. Tatsächlich versammelt das großformatige Buch nicht weniger als 80 Biografien von Prominenten aus Politik, Kultur und Geschichte. Jeweils mit einer Zeichnung und Handschrift versehen – freilich alles im Fälscher-Original.

Konrad Kujau starb am 12. September 2000 im Stuttgarter Marienhospital an Krebs. Die Trauerfeier zur Feuerbestattung fand sechs Tage später auf dem Neuen Friedhof in Bissingen statt. „Uns bleiben Erinnerung, Liebe und Dankbarkeit“ schrieben die Angehörigen in der Todesanzeige.

Auch nach seinem Tod ging der Handel mit angeblichen Kujau-Bildern weiter, die sich dann wiederum auch als Fälschungen herausstellten. Es gibt Menschen, die beauftragt wurden, nach dem Tode Kujaus das Haus im Friederikele auszuräumen. Das Konrad-Kujau-Museum in Pfullendorf hat schon seit Jahren seine Pforten geschlossen und bei Ebay gibt es Seiten aus den Hitlertagebüchern, vom Fälscher unterschriebene Visitenkarten, Angebote von Gabriele Sauler, „Kujaus einzigster Meisterschülerin“, sowie Repro-Portraitfotos, original signiert.
Im September 2010 musste sich in Dresden Petra Kujau, die vorgab eine Großnichte des Malers und Kunstfälschers zu sein, vor Gericht verantworten. Die Galeristin hatte falsche Fälschungen verkauft. Die Frau hatte Billigbilder aus Fernost als Werke von Konrad Kujau ausgegeben und die Käufer um rund 300.000 Euro geprellt. Auf die Spur der Betrügerin kam die Polizei durch einen Hinweis von Gabriele Sauler.

Unklar ist bis zum heutigen Tag der Verbleib des Millionen-Honorars für die gefälschten Hitler-Tagebücher und die Geschichte von Konrad Kujau ist noch noch nicht zu Ende.

Fälschungen unter dem Dach

Der Antiquitätenhändler Marc-Oliver Boger ist Sammler von Kujau-Fälschungen. Im Dachgeschoss von Marc-Oliver Boger glaubt man, in der Fälscherwerkstatt von Konrad Kujau zu sein. Gemälde von Miro und Macke, Briefe mit Unterschriften von Napoleon sowie Karl Marx und unzählige Dokumente, die angeblich Adolf Hitler unterschrieben hat.

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Antiquitätenhändler Marc-Oliver Boger.

Konrad Kujau hat nichts ausgelassen“, sagt Antiquitätenhändler Boger. Selbst Telefonkarten und Etiketten für Weinflaschen hat Kujau durch das Rad des Dritten Reiches gedreht. Vor zehn Jahren hat Boger damit begonnen, Kujau-Fälschungen zusammenzutragen.

Sie stammen zum Teil aus dem Nachlass, ein weiterer Teil stammt von bundesweiten Auktionen und aus dem Internet. Exponate kosten bis zu 8000 Euro, manches geht auch „ohne Limit“ – also ohne Preisvorgabe – in eine Auktion. Dabei gibt es echte Raritäten, wie etwa „Die geheimen Tagebücher des Konrad Kujau“, in denen dieser die Fälscher-Geschichte aufs Korn nimmt. Selbstverständlich hat Boger auch jene Kladden parat, die damals als „Hitlers Tagebücher“ zuerst für Aufsehen und dann für den größten Medienskandal in der Nachkriegszeit sorgten. 62 dieser schwarzen Notizbücher gingen für Millionen an den „Stern“, ein anderer Teil blieb bei Kujau und ein weiterer Teil bleib einfach leer – um eventuelle für Nachschub sorgen zu können. Freilich hat Boger auch die denkwürdige Ausgabe des „Stern“ vom 28. April 1983, als die angebliche „Weltsensation“ der aufgetauchten „Tagebücher“ auf 17 Seiten verkauft wurde.

Boger verfügt ebenso über jene gefälschten Blankobriefe aus der Reichskanzlei, die Kujau dafür benutz hat, um zahlreiche Briefe und Aufrufe zu verfassen. Oben links der Reichsadler mit Hakenkreuz schwarz eingedruckt, unten links der Stempel der Kanzlei als Prägedruck. „Welche Druckerei macht so etwas“, fragt sich Boger. Der Ausweis von Hitler darf in dieser Sammlung freilich nicht fehlen, zu dem Kujau einfach auch nur ein Blankodokument bearbeitet hat.

Konrad Kujau konnte in seinen produktivsten Zeiten in seinem Haus in Bietigheim-Bissingen mit den Fälschungen aus seiner Hand die Nachfrage kaum noch befriedigen. Vor allem reiche Militariahändler hätten Kujau die Aufrufe zum Freundschaftsvertrag mit der Unterschrift von Mussolini sowie die von Hitler und Goebbels unterzeichneten Dekrete an das Volk aus der Hand gerissen.

Kujau war auch gewitzt. Aus einem Katalog hat er eine Seite herausgetrennt und „mein neuer Schreibtisch in der Reichskanzlei, Adolf Hitler“ darunter geschrieben. Die Händler, so Marc-Oliver Boger, hätten überhaupt nicht mehr gefragt, woher denn das ganze Material stamme, „im Notfall kam es eben aus der DDR“.

Boger widmet sich in seiner Sammlung vorzugsweise den Bildern und Karikaturen von Kujau. Mit seinen Fälschungen entlarvte er die Einfachheit eines Miros und erinnerte mit einem gezeichneten Halbakt von Hitlers Halbschwester an die Vergangenheit des Diktators, als dieser noch – unberechtigt – den Titels eines „akademischen Malers“ führte. Auf einem Bild ist, in Dali-Manier, ein Geige spielender Tod zu sehen. Konrad Kujau hat es 1986 gemalt, nach der Diagnose „Kehlkopfkrebs“.

5 Kommentare zu “Konrad Kujau: Meisterfälscher aus Bietigheim

  1. Hans Leopold Schlobach
    31. März 2015

    Tja, mein lieber, und weil wir befreundet waren, schenkte er uns zum Geburtstag von Niri eine tolle Zille Fälschung, ein Bild, mit Stempel: gefälscht von Konrad Kujau“. Ich weiß, wie die Banken und die Polizei im Friederikele den Garten umgruben. Dann war er krank und als er Edith, das ist seine Lebensgefährtin, und uns auf dem Flughafen Stuttgart, Sie war mit uns in der Türkei, verabschiedete, hatte er bereits eine Krebstherapie hinter sich. Claudia, eine Freundin von uns, leitete eine seiner Galerien und war liiert mit seinem Sohn.

    Nun, niemand hat etwas gefunden und Edith geht es gut in Sachsen, ging es damals auch gut, in der Türkei.

    So war das und sein Bild reiht sich ein zwischen Nägele, Benz und anderen heimatlichen Künstlern.

    Herzlich

    Poldi

    Ich grüße Sie freundlich

    Hans Leopold Schlobach

    Hans Leopold Schlobach Turmstraße 49 74321 Bietigheim-Bissingen Tel.:07142-41521

    Von meinem iPad gesendet

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  2. Ann Marie Ackermann
    1. April 2015

    Faszinierend! Hier ist eine Geschichte, die ich erst in Amerika hörte. Und ich hatte keine Ahnung, dass die Quelle so nah an mein neues Zuhause in Deutschland liegt.

    Gefällt 1 Person

  3. k.wuerich
    28. Dezember 2015

    Lieber Poldi, nicht du warst mit Konrad Kujau befreundet, sondern wir, die damaligen Freunde deiner Frau Niri, der wir auch genannte Zille Fälschung zum Geburtstag geschenkt hatten. Das Bild haben wir zusammen mit Edith im Haus im Friederikele ausgesucht und Konrad auch bezahlt. Grüß Eure Freundin Claudia ganz herzlich. Ja, im Laufe der Jahre vergisst man wohl so manches. Karin

    Gefällt 1 Person

  4. LUCAS
    5. Juli 2016

    Erst heute stelle ich bei Durchsicht meiner Telefonkartensammlung von Konrad KUJAU fest, das ich insgesamt ca.5000 DM an die „TELEPHIL“ aus 71732 Tann an Herrn A. Necker überwiesen habe, wobei die ersten Telefonkarten an der Vorderansicht von Kujau handschriftlich signiert wurden. Dies war auch ein genial eingefädeltes Geschäftsmodell von „TELEPHIL A NECKER“, der von der Bildfläche verschwand und die gesamte Serie, die ich doppelt besitze, nur einen Erinnerung-Wert hat. Bei Interesse unter: Eckhard Lucas, Am Gartenberg 175*76149 Karlsruhe E-Mail beauty.logistic@-online.de oder info@xy-powerdrink.de melden! PRIVAT!

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