Palitzsch

See you, see me.

Richard Hohly: Die Überflutung der Sinne durch Farben

Das künstlerische Werk des Malers Richard Hohly aus Bietigheim-Bissingen kann vielen Ansprüchen dienen.
bildarch~dc5-5cu50r3wt9c1ekjan1enSo zählte er in der Wehrmacht zu den bei den kämpfenden Truppen überflüssig gehaltenen Kriegsmalern.
Dabei war ihm die Auseinandersetzung mit religiösen Themen stets eine innere Notwendigkeit.
Den Maler Richard Hohly, der am 11. April 1995 in Bietigheim-Bissingen starb,  in diesem Spannungsfeld jedoch auf ein Richtung zu reduzieren, würde ihm nicht gerecht werden.
Ihn kennzeichnete stets die Suche nach dem eigenen Standort in der Kunst, die in zahlreichen Bildern noch heute kraftvoll zum Ausdruck kommt.

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Oben: Viergetier, ein Siebdruck. Unten links Pferde aus dem Jahre 1927, rechts das gleiche Motiv, Jahre später.

Schon in jungen Jahren drängte sich Richard Hohly die Welt als spirituelles Erlebnis auf. Um die Jahrhundertwende 1902 in Löwenstein geboren, sog er alles, in einen Matrosenanzug gesteckt, im wahrsten Sinn des Wortes im schnellen Lauf in sich auf – allein 13 Paar Schuhe brauchte der Junge in den ersten Lebensjahren.
Die Eindrücke der Kindheit blieben haften: Der unerlässliche Singsang der Menschen, der unversiegbare Fluss von lauten Tönen und Geräuschen, die unzähligen Farben und Schattierungen der Gebäude im Dorf, der Tiere im Stall, den Pferden auf der Koppel, sowie einer Landschaft, die zu jeder Jahreszeit ein anderes buntes Kleid anlegte.
Schon als kleiner Junge war er fasziniert vom Todeserlebnis, das er in Löwenstein noch im Unterbewusstsein wahrnahm. Der Friedhof war immer sichtbar und ihm so ein Stück Heimat. Der „Seherin von Prevorst“, die um 1825 Symptome einer „Dämonen- und Geisterbesessenheit“ zeigte, fühlte sich Hohly seelenverwandt. Ihre Geschichte beschäftigte ihn immer wieder. Sie war seine erste unmittelbare Berührung mit übersinnlichen Kräften, die Fragen danach ließen ihn nie wieder los.
Hohly wollte zunächst Lehrer werden, weil ein Onkel im Lehrerseminar war. Die Mutter schwieg, der Vater quittierte den Berufswunsch mit der Bemerkung: „Lehrer? Bua, du tust mit leid.“ Der junge Mann machte sich trotzdem auf den Weg.
Nach der Vorbereitungs- und Aspirantenzeit kam Hohly an die Präparanden-Anstalten nach Kirchheim/Teck und Heilbronn. Es gab wenig Erbauliches. „Keine Stunde, die uns seelisch oder körperlich aufgelockert hätte“, schrieb er in seinen Erinnerungen.
Zeichnen war Hohlys Lieblingsfach. Trotzdem erreicht er nur die Note „ausreichend“, weil er weder gerade Linien noch Striche ziehen konnte. Der seelische Druck machte ihn krank, so krank, dass er vor Gliederschmerzen nicht mehr laufen konnte. 1922 war er Junglehrer ohne Anstellung und arbeitete unregelmäßig in Gelegenheitsjobs. Hohly strich Dreschmaschinen für Russland, arbeitete bei NSU in der Nachtschicht – um am Tag malen zu können – und bei der Handels- und Gewerbebank zählte er Pfennige. Der 20-Jährige wurde unruhig und ging auf Wanderschaft. München, Bayreuth, Leipzig, Dresden, mit einem Elbfrachter bis Magdeburg und von dort weiter bis Hamburg. Über Berlin kehrte Hohly Anfang November 1923 nach Heilbronn zurück, um wieder bei der Handels- und Gewerbebank zu arbeiten.

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Glasbild.

Die erste Wanderzeit, eine zweite sollte 1926 folgen, wurde für den Maler zur Brücke ins Leben. Obwohl nicht alle Träume und Wünsche Wirklichkeit wurden, offenbarte sich ihm eine Bestimmung.Mit der Aufnahmeprüfung an der Stuttgarter Kunstakademie schlug Richard Hohly den Weg des Malers kompromisslos ein. Durch die Bekanntschaft des 1875 im schweizerischen Andelfingen geborenen Lehrers, Schriftstellers und Anthroposophen Ernst Uehli kam Hohly zur Beschäftigung mit Schriften von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie – aber vor allem mit der Farbenlehre Goethes. Diese baut auf einem elementaren, polaren Gegensatz von Hell und Dunkel auf. Johann Wolfgang von Goethe, der Universalgelehrte, erklärte Farben als Grenzphänomene zwischen Licht und Finsternis. Gelb liegt dieser Farbenlehre zufolge an der Grenze zur Helligkeit, Blau an der Grenze zum Dunkeln. Hohly erkannte, dass Farben nicht nur eine dekorative, sondern auch eine emotionale, seelische Wirkung hatten. Dies wurde ihm, im künstlerischen Gewissenskonflikt mit der modernen Malerei, zur Richtschnur.

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Blick in die Felsengalerie in Bietigheim-Bissingen.

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Dreiteiliges Altarbild.

Wegweisend für ihn war 1930 die Begegnung mit dem norwegischen Maler und Grafiker Edward Munch in Oslo. Der damals 67-Jährige und der 28-jährige Hohly verstanden sich auf Anhieb, schnell war man in Gespräche vertieft. Munch führte den Deutschen durch seine Malbaracken und bat ihn um eine Beurteilungen seiner Arbeiten. Munch seinerseits gab ihm Tipps. Etwa, dass man Skizzen nie weggeben darf, weil frühe Arbeiten auch stets eine Verbindung zur Jugend seien.
Im August 1931 heiratete Richard Hohly Annemarie Neumann. Dem jungen Paar reichte das Geld kaum. Im April 1934 wurde Hohly an die Realschule nach Leonberg versetzt, von dort aus im November 1935, weil politisch unzuverlässig, als städtischer Hilfslehrer an die Realschule in Bietigheim strafversetzt. Riefen die Schüler ihm munter „Heil Hitler“ zu, murmelte er ihnen „Heil du ihn“ entgegen. Zum ständigen finanziellen Engpass kam das Ende der Malerei hinzu. Sein Bild „Dame mit Bedienung“ wurde als „entartet“ eingestuft, 1936 erhielt Richard Hohly Malverbot.
Der Krieg und seine schrecklichen Begleiterscheinungen wurden für ihn zu einer grundlegenden Wesenserfahrung und eine noch tiefer gehende Begegnung mit dem Ende. Die Bilder, auf denen das Grauen des Krieges eingefroren wurde, trugen Titel wie „Vor Stalingrad“ und „Todesmarsch von Stalingrad“.
Seine Arbeiten wurden mit dem Vermerk „Russland zu sympathisch gesehen“ im Keller seiner Dienststelle verbannt. Hohly fand sich damit allerdings nicht ab. Noch bevor er im März 1943 nach Paris abkommandiert wurde, suchte er nach einem nächtlichen Fliegerangriff die verlassene Dienststelle auf und holte seine Skizzen wieder aus dem Keller des Gebäudes.
In der Nachkriegszeit kreierte Hohly eine neue Art der Glasmalerei, die Glasintarsie. Bei dieser Technik werden farbige Gläser ohne Bleiruten, die sonst als dunkle Zwischenstege dienen, auf eine größere Scheibe geklebt. Die einzelnen Stücke verbindet eine so genannte Lichtfuge aus Kunstharz. Durch das Übereinandersetzen verschiedenfarbiger Gläser sowie die leuchtenden Zwischenstücke entstanden Arbeiten von eigenartiger Schönheit.
Im Jahre 1958 wurde Hohly, bis dahin Zeichenlehrer am Gymnasium in Bietigheim, in den Ruhestand versetzt. Jetzt, mit 56 Jahren, fand er Zeit, sich ganz seiner Kunst zu widmen. Unzählige Visionen, bislang nie gesehene Bilder und Farben stürmten auf ihn ein. Hohly hielt dem Druck nicht stand und musste ins Krankenhaus. Am Ende ging er gestärkt aus dieser Krise hervor und macht sich auf den Weg zu seiner Schaffens-Höhe. Die 1970er-Jahre wurden zu den erfolgreichsten im Leben des Malers. Seine Arbeiten waren in zahlreichen Ausstellungen in ganz Baden-Württemberg zu sehen.
Ende Juni 1976 starb seine kranke Ehefrau Annemarie. Mit dem Bau eines eigenen Museums in Bietigheim-Bissingen, der „Felsengalerie“, wagte er 1977 den Neuanfang. Ein Jahr später heiratete er Helsula Rohrdanz, 42 Jahre jünger als der Künstler. Im gleichen Jahr wurde er mit dem Verdienstorden ausgezeichnet.
Richard Hohly hat sich Zeit seines Lebens immer mutig an Neues gewagt, sein künstlerisches Schaffen umfasst ein außergewöhnlich breites Spektrum. Aus Visionen schöpfte er Kraft für das eigene künstlerische Gestalten.
bildarch~dc5-5d03u6q2rzkwqkr4c5xSeine religiösen Bilder (links: Der Judaskuss) sind Ausdruck einer Frömmigkeit, die auf Freiheit gründet. Die biblischen Geschichten und Bilder wurden Ausgangspunkt für die Erforschung der eigenen inneren Landschaft. Die Entwicklung der Glasintarsie war ein innovativer Schritt. Wie selbstverständlich arbeitet er mit Zement und Mörtel, um Mauerbilder zu schaffen. Der Siebdruck ersetzte ihm den Pinsel und war Ausdruck einer Praxis, die sich wie ein roter Faden durch das ganze Werk von Richard Hohly zieht – die Überflutung der Sinne durch Farben.
Der Künstler starb am 11. April 1995 in Bietigheim-Bissingen. Und es ist ein Fluch für einen Maler, er war fast erblindet.

Hakenkreuzfahne als Leinwand

In Paris war der Maler Richard Hohly im Nachrichtendienst eingesetzt. Dort lernte er 1943 den Schriftsteller Ernst Jünger kennen.
Der Widerstandskämpfer Ernst Niekisch, 1939 vor dem Volksgerichtshof zu lebenslanger Haft wegen Hochverrats und Tätigkeit für eine verbotene Partei verurteilt, hatte Richard Hohly aufgetragen, in Paris den Kontakt zu Ernst Jünger zu suchen.

Jünger war als Hauptmann im Hotel „Majestic“ in der Rue La Perouse stationiert und stand unter dem Schutz von Carl-Heinrich von Stülpnagel, General der Infanterie. Richard Hohly schrieb in seinen Erinnerungen, Jünger sei sehr zurückhaltend und vorsichtig gewesen. 51HNESPV8FL._SY344_BO1,204,203,200_Ernst Jünger schrieb in seinem zweiten „Pariser Tagebuch“ (rechts) über Kontakte mit Hohly am 22. Juni und 14. April 1943 eher nebensächlich. Ein Thema dieser Treffen war „Cellaris“, ein Deckname für den Widerstandskämpfer Ernst Niekisch. Als Niekisch wegen Hochverrats verurteilt wurde und bis zum Kriegsende im Zuchthaus saß, leugnete Jünger die Bekanntschaft nie und versuchte zu helfen.
Richard Hohly blieb bis 1944 in Paris und wollte auch dort immer wieder malen. Und weil einmal eine Leinwand fehlte, riss er die Hakenkreuzfahne von Dach des Hotels und malte darauf sein Bild „Heimatlos“, einen schemenhaften Flüchtlingszug ins Nichts. In der Mitte des Bildes schimmert immer noch die rote Farbe der Fahne durch.

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