Palitzsch

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Hohenasperg: Gefangen auf dem Tränenberg

Es gab und gibt die Mörder, die Gewalttätigen, Irren und die Kranken. Der Hohenasperg war und ist für viele der „Tränenberg“, auf den man schneller hinauf-, als wieder herunterkommt. Johannes Autenrieth war zwischen 1905 und 1934 einer der leitenden Beamten des Aufsichts- und Pflegedienstes der Strafvollzugsanstalt. Dies ist seine Geschichte.

Der berühmteste Gefangene auf dem Hohenasperg waren neben Insassen der Neuzeit wie Peter Graf, Helmut Palmer und den Terroristen Christian Klar, Knut Folkerts, Brigitte Mohnhaupt und Günther Sonnenberg ohne Zweifel der Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart. Er verbrachte zehn lange Lebensjahre, von 1777 bis 1787, auf seinem „Tränenberg“. Nach der Haft lebte Schubart nur noch vier Jahre, der Kerker hatte seine, von ihm selbst nie geschonte Gesundheit, untergraben.

Schubart war es auch, der die Qualen der Haft in einem Gedicht niedergeschrieben hat, das wie ein Echo in die heutige Zeit hinein hallt: „Was hab ich, Brüder! Euch getan? Kommt doch und seht mich Armen! Gefangener Mann, ein armer Mann! Ach! Habt mit mir Erbarmen!“

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Oben links: Der Eingang zum Hohenasperg. Rechts eine Gruppe von Wärtern. Unten links: Die Krankenabteilung. Rechts Johannes Autenrieth, zwischen 1905 und 1934 einer der leitenden Beamten des Aufsichts- und Pflegedienstes der Strafvollzugsanstalt Hohenasperg.

Nach Schubart wurden unzählige Männer auf dem Hohenasperg eingesperrt, selten erhält man aber einen Einblick in die Arbeit der Vollzugsbeamten. Über einen von ihnen ist im Ludwig Stark Verlag ein Buch erschienen, die auf den Aufzeichnungen von Johannes Autenrieth beruhen. Er war zwischen 1905 und 1934 einer der leitenden Beamten des Aufsichts- und Pflegedienstes der Strafvollzugsanstalt. Herausgegeben wurde das 130-seitige Werk unter dem Titel „Johannes Autenrieth, Der Hohenasperg“ von seinem Enkel Rolf Autenrieth. Basis für das nicht mehr erhältliche Buch ist ein handschriftliches Original, das sich im Hauptstaatsarchiv Stuttgart befindet und von Paul Müller, Heimatforscher aus Asperg, aus der alten deutschen Schreibschrift in die heutige Diktion übertragen wurde.

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Die Familie Artenreich. Sie zog von Ulm in den südlichen Teil des Arsenalbaus auf dem Hohenasperg,

Johannes Autenrieth wurde im Juni 1872 in Gerhausen bei Blaubeuren als Sohn eines Fuhrmannes geboren. Nach einer Bierbrauerlehre schaffte er es vom einfachen Soldaten bis zum Sanitätssergeant und heiratete 1898 Marie Luise, geb. Dußler. 1900 und 1902 kamen zwei Kinder zur Welt, 1904 wurde Autenrieth aus dem Infanterieregiment von König Wilhelm I. nach zwölf Jahren Militärdienst entlassen, mit einer Anwartschaft auf eine Staatsstelle. Im Juni 1905 trat Autenrieth dann seinen Dienst als militärischer Aufseher auf dem Hohenasperg an, sein Jahresgehalt betrug 1100 Reichsmark. Auch privat orientierte sich alles an dem Gefängnis. Nur einen Monat später zog die Familie von Ulm in den südlichen Teil des Arsenalbaus auf dem Hohenasperg, vier Jahre später kam dann das dritte Kind der Autenrieths zur Welt.

Die Welt des Aufsehers, so geht aus den Aufzeichnungen hervor, hatte mit der Welt jenseits der Mauern und Gitter nichts zu tun. Der Begriff „Gefangener“, so schrieb Autenrieth, bedeutet die völlige Beraubung der Freiheit, auch Isolierung von aller menschlichen Umgebung. So gab es auf dem Asperg neben den Staats- und Festungsgefangenen auch die Strafgefangenen. Diese wiederum unterschieden sich in Zuchthaus- und Gefängnisgefangene.

Die Aufzeichnungen des Aufsehers konzentrieren sich besonders auf die „Irrenabteilung Hohenasperg“. Zur Aufnahme der Geisteskranken wurde 1904 der Kommandantenbau umgebaut, die Abteilung hatte ihren eigenen Schlüssel. Die Insassen der Irrenabteilung kamen aus allen Strafanstalten Württembergs und wurden durch einen besonderen Antrag oder eine grundsätzliche Entscheidung des Strafanstalts-Kollegiums, beziehungsweise des Justizministeriums, eingewiesen. Von rabiaten Insassen, so berichtet Johannes Autenrieth, wurden die Zellen regelrecht demoliert. Wände und Fußböden aus Holz abgerissen oder aufgerollt und zertrümmert, „die bis zu drei Zentimeter starken Fensterscheiben flogen nur so hinaus“.

Der Aufseher berichtet von ungewöhnlichen und rabiaten Menschen, die jedoch zum Teil wieder den geordneten Weg in die Freiheit antreten konnten.

Etwa der Gefangene Eberhard Blum. Ein zappeliger und aufgeregter Mann, der die Augen rollte. Er stellte sich mit dem Anstaltspfarrer gut, sang aber immer mit hohen Zwischentönen, die oft den ganzen Choral über den Haufen warfen. So musste vom Kirchgang abgesehen werden, für die Insassen der Irrenabteilung wurde eine extra Betstunde eingeführt. Blum arbeitete von 5 Uhr morgens bis tief in die Nacht hinein als Tütenkleber, erlangte nach langen Jahren im Gefängnis die Freiheit und starb kurz darauf.

Simon Steinharter war ein härteres Kaliber. Wegen Mordes lebenslänglich verurteilt, schrie und tobte er aus vollen Leibeskräften, dass dem Personal und den Strafgefangenen der Schlaf geraubt wurde. Steinharter beschmierte die Zellentür und Wände mit Kot, warf das Essen auf den Boden und zerbrach Schüsseln und Löffel. Die Zellen, so Autenrieth, waren die reinsten Schweineställe, von Zeit zu Zeit musste gemistet werden. „Steinharter trug man dann wie eine Sau ins Bad“. Die Wendung: Als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde der Gefangene in die Vollzugsanstalt Ludwigsburg zurückversetzt. Sein übler Zustand besserte sich, und er wurde wieder ein „anständiger Gefangener“. Schließlich begnadigt, fand Steinharter Arbeit in der Kornwestheimer Eisengießerei Böhringer und soll sich dort „gut geführt“ haben.

Dann die Sentimentalen, wie der verheiratete Kaufmann Eßlinger, die der Alltag auf dem Hohenasperg psychisch kaputt machte. Eßlinger wurde in der Haft schwermütig und weinte viel. Besonders nach den Besuchen seiner Frau und der Schwester musste er durch das Personal besonders beobachtet werden. Sein Zustand besserte sich jedoch, und er konnte in seine alte Strafanstalt nach Rottenburg überführt werden.

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Ein ungewöhnlicher Gefangener war Walter Dorn. 1924 wurde er wegen Geistesschwäche entmündigt und bezeichnete sich selbst als Antichrist.

Ein ungewöhnlicher Gefangener war Walter Dorn. 1924 wurde er wegen Geistesschwäche entmündigt und bezeichnete sich selbst als Antichrist. 1929 kam Dorn in die Irrenabteilung, Diagnose: Degeneriertes Irresein. Er war gefährlich und ein Anhänger Nietsches, gab Massenmorde von 2000 Personen an und beschimpfte das Personal als „Rammel- und Henkersknechte“.

1930 brach Dorn aus. Dazu hatte er hinter dem Abortvorhang ein Loch durch die Decke gebrochen, über Tisch und Stuhl gelangte er auf die Bühne. Durch das Dachfenster stieg er dann in den Hof und kletterte über eine etwa fünf Meter hohe Mauer. Sein Pech: Ein Wachtmeister hatte ihn bereits entdeckt, nahm ihn fest und steckte ihn in Arrest. Trotz allem wurde Dorn 1932 nach zahlreichen Gesprächen seines Vaters entlassen, sein Bruder holte ihn ab. Die Familie muss wenig Freude an dem verlorenen Sohn gehabt haben. Kurze Zeit später stand Walter Dorn wieder auf dem Fahndungsplakat, wurde festgenommen und erneut verurteilt.

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1930 brach Walter Dorn aus. Dazu hatte er hinter dem Abortvorhang ein Loch durch die Decke gebrochen, über Tisch und Stuhl gelangte er ins Freie.

So zählt Johannes Autenrieth zahlreiche Fälle auf, gibt Einblicke in Krankheitsbilder und verfolgte den Lebensweg seiner „Klienten“ offensichtlich auch noch nach ihrer Freilassung. „Gefangene“, so schreibt Johannes Autenrieth, „hat es schon immer und zu allen Zeiten gegeben, sie werden wohl nie aussterben.“ Der ehrbare Besucher des Hohenaspergs mit seinen Türmen und Basteien gehe wohl dann auch mit einem „leisen Schaudern“ an den Mauern und Zäunen der Strafanstalt vorbei. Wer den Dienst der Aufsichtsbeamten als unbeschwerlich oder als leicht bezeichnet, „der irrt sich“. Autenrieth hat recht, war er Zeit seines Lebens doch auch Gefangener – nur auf der anderen Seite. Denn wie schrieb schon der Dichter Schubart: Gefangener Mann, ein armer Mann! Ach! Habt mit mir Erbarmen!

1934 schied Johannes Autenrieth nach 29 Jahren als Strafanstalts-Kommissar wegen Krankheit ehrenvoll aus dem Dienst aus. Von 1942 bis 1945 schrieb er seine Erinnerungen auf Kanzleipapier auf. Der Aufseher starb am 15. September 1949 mit 77 Jahren in der Asperger Bahnhofstraße 45.

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