Palitzsch

See you, see me.

Musik trifft Verpackung: Kunst 30 mal 30

 

Artwork Wie sich Popmusik und bildende Kunst verbinden, ist auf vielen LP-Covern zu sehen. Plattenhüllen sind eine eigene Kunstform.

Bei Ikea gibt es quadratische Wechselrahmen, in die LP-Hüllen exakt hineinpassen. Hängt man mehrere Rahmen nebeneinander, kann man sich jeden Monat eine eigene private Ausstellung aufbauen. Sammler kaufen heute nicht nur Langspielplatten, um den weichen und warmen Sound zu hören, sondern auch, um sich mit Plattenhüllen zu schmücken, die durch Fotos, Gemälde und andere künstlerische Kreationen, wie etwa Comics, ganz eigene Kunstwerke sind. Das Bekenntnis zum Vinyl war schon immer auch ein Bekenntnis zur bildenden Kunst – dank einer 30 mal 30 Zentimeter großen und oft aufwändig gestalteten Pappverpackung.

Cheap Thrills

Cheap Thrills

Ein Urknall der Visualisierung auf einem LP-Cover war das Album „Cheap Thrills“ von Janis Joplin und ihrer Begleitband Big Brother & The Holding Company aus dem Jahre 1968. Ursprünglich sollte das Frontcover, wie damals üblich, ein Foto der Band schmücken. Dies lehnte die Sängerin ab, weil sie eine Vorliebe für den Illustrator Robert Crumb hegte. Bei ihrer Plattenfirma Columbia Records hatte Janis Joplin inzwischen den Fuß schon so weit in der Tür, um das bunte und kleinteilige Crumb-Cover auch durchsetzen zu können. Das Album wurde 2013 in das Nationale Aufzeichnungsregister der USA aufgenommen. Dort werden Tonträger gesammelt, die mit ihrem kulturellen und ästhetischen Inhalt das Leben in den Vereinigten Staaten reflektieren.

Mit der Vermarktung von Rockmusik für große Hörermassen wurde Ende der 1960er Jahre der Begriff „Cover-Artwork“ geprägt, der mehr als nur die Bearbeitung des sichtbaren Verpackungsmaterial einer Langspielplatte darstellte.

Federführend für die LP-Motive bekannter Bands wurde ab 1968 sehr schnell die britische Grafikagentur Hipgnosis. Firmengründer Storm Thorgerson schuf mit Aubrey Powell und Peter Christopherson Schallplatten-Cover, die sich ins Gedächtnis eines jeden Musik-Fans eingegraben haben. Die bekanntesten Kunden der Kreativwerkstatt waren Led Zeppelin und Pink Floyd, die bei der Cover-Gestaltung eng mit der Agentur zusammenarbeiteten. Im Jahre 1973 gelang Hipgnosis zwei Alben-Designs, die bis heute nichts von ihrer Strahlkraft verloren haben. Zum einen „Houses of the Holy“ von den Musiker rund um Sänger Robert Plant und vor allem „The Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd. Das Prisma mit einer Lichtbrechung vor schwarzem Hintergrund gilt als zeitloser Klassiker. Bild und Musik überlappen sich in beiden Fällen zu genreübergreifende Kunstwerke. Sie stellen keine Aufwertung der Musik der beiden Rockbands dar, Konsumenten nehmen diese Alben jedoch stärker als eine in sich geschlossene Arbeit wahr.

Harvest_Logo

Harvest Records

Nicht weniger kreativ im Cover-Artwork ist der heute 72-jährige Künstler Roger Dean. Der Brite verewigte sich unter anderem mit einem giftgrünen Label-Design für Harvest Records, 1969 vom Major-Label EMI für progressive Rockbands wie Deep Purple gegründet. Vor allem aber schuf Dean den typischen Schriftzug und dann ab 1971 die Plattencover der Prog-Rocker Yes mit einem hohen Wiedererkennungswert. Dem Album „Fragile“, wo auf der Frontseite des aufklappbaren Covers ein Segelschiff über einen blauen Planeten hinwegfliegt, folgten weitere rund 20 Yes-LPs, denen er seinen grafischen Stempel aufdrückte.
Surreale Landschaften im Sternenlicht, frei schwebende Inseln die durch Brücken verbunden sind, verdorrte und in sich verschlungene Bäume – Roger Dean schöpfte für Yes aus dem vollen Reich der Fantasy-Kunst.

Yes_Fragile

Fragile

An der Zusammenarbeit mit den Musikern hat sich bei der Gestaltung bis heute nichts geändert, wobei Labels durchaus auf eine eigene Handschrift setzen. „Vor allem Musiker, die ihre erste Platte auf den Markt bringen, würden sich gerne selbst auf dem Frontcover sehen“, sagt Michael Gottfried, Pressesprecher des Independent Jazz Labels ACT Music aus München. Es gibt eine Mitbestimmung sowie Vorschläge der Künstler, „zusammen kommen wir immer auf einen grünen Zweig“. Gleichzeitig setze man beim Artwork auf eine starke Ästhetik – und eine klare Linie. Zum allergrößten Teil drückt sich dies auf den Front-Covern der ACT Produktionen durch einen weißen Hintergrund aus, auf dem ein Kunstwerk zu sehen ist. Der Grund dafür ist, dass Labelchef Siggi Loch auch Kunstsammler ist, „da kommen zwei Leidenschaften zusammen“, sagt Gottfried. Die Produktionen seien damit dem Label klar zuordenbar und würden dem Käufer ein Stück weit Vertrauen vermitteln.

Cover

Produktion von ACT

Ein Beispiel dafür ist die neue Jazz-Platte „Landed in Brooklyn“ der Brüder Julian und Roman Wasserfuhr. Auf weißem Grund sind in bunten Farben tiefe Häuserschluchten zu sehen, während die Künstlernamen schwarz und der Albumtitel rot aufgedruckt ist. Mit diesem Coporate Identity-Konzept sind alle Produktionen von ACT erkennbar.

Die Gestaltung von Schallplattenhüllen hat sich im Lauf der Jahrzehnte grafisch immer weiter verfeinert. Dem einst schmucklosen Cover der frühen Schellackplatten folgten ab 1948 gestaltete Vinyl-Platten. Mitte der 1960er Jahre kam das aufklappbare Gatefold-Cover dazu. Damit hatte man auf einer LP mit zwei Innenseiten eine doppelt so große Fläche, um Bilder, Zeichnungen, Texte, Besetzungslisten, Credits, Liner Notes und sonstige Hinweise unterzubringen.

Oldfield_BookletNoch üppiger wurde es in den 1970er Jahren, als Boxen mit mehreren LPs auf den Markt kamen. Am bekanntesten ist die Sammlung von Mike Oldfield mit den Alben „Tubular Bells“, „Hergest Ridge“, „Ommadawn“ und „Collaborations“, plus einem zwölfseitigen Booklet in LP-Größe.

Mit der Markteinführung der CD im Jahre 1982 wurde begonnen, der Schallplatte und damit auch ihrer künstlerischen Gestaltung das Totenglöckchen zu läuten. Wobei das kleine Booklet einer CD bis heute niemals an die Möglichkeiten des Cover-Designs einer Langspielplatte heranreicht.

Zehn LP-Cover, die jeder kennt

Dark SidePink Floyd: „The Dark Side of the Moon“. Ein Prisma als zeitloser Klassiker. Artwork von Hipgnosis.

 

 

 

Beatles_-_Abbey_RoadBeatles: „Abbey Road“. Die Pilzköpfe auf dem Zebrastreifen. Foto von Ian MacMillan.

 

 

 

Velvet Underground

The Velvet Underground & Nico: Gleichnamiges Debütalbum. Eine Banane als Kultobjekt. Von Andy Warhol.

 

 

 

Led Zeppelin IIILed Zeppelin: „III“. Eine surreale Sammlung von Bildern auf einer drehbaren Scheibe. Von Richard Drew (Zacron).

GenesisGenesis: „The Lambs lies down on Broadway“. Auf der Frontseite drei Panels, schwarz/weiß in Comic-Art. Von Hipgnosis.

King CrimsonKing Crimson: „In the Court of Crimson King“. Debütalbum mit einem verzerrt, schreienden Gesicht. Bild von Barry Godber.

Yes_Tales from TopograficYes: „Tales from Topographic Oceans“. Ein Cover, auf dem surrealistisch Natur, Astrologie und präkolumbische Kulturen verbunden werden. Von Roger Dean.

Emerson, Lake and PalmerEmerson, Lake & Palmer: „Pictures at an Exhibition“. Leere Bilderrahmen einer Ausstellung, versehen mit den Songtiteln. Von William Neal.

 

 

elctric ladylandJimi Hendrix Experience: „Electric Ladyland“. Nackte Frauen sorgten für Aufregung. Foto von David Montgomery.

 

 

sticky fingersRolling Stones: „Sticky Fingers“. Eine Hose mit einem funktionstüchtigen Reißverschluss auf dem Front-Cover. Von Andy Warhol.

 

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