Palitzsch

See you, see me.

Hans Voelter: Auf den Tritt Gottes horchen

Der bis heute stattfindende „Bietigheimer Tag” ist mehr als eine Traditionsveranstaltung zwischen der Evangelischen Landeskirche und Sozialdemokratie. Er ist eine Plattform für Gruppen mit zum Teil unüberwindlichen Gegensätzen, die sich in sachlicher Aussprache annähern. So war es schon 1921, als der Bietigheimer Stadtpfarrer Hans Voelter die Reihe ins Leben rief.

voelter-hans

Hans Voelter. (1877 – 1972)

Hans Voelter, zunächst zweiter, dann von 1918 bis 1923 erster Stadtpfarrer in Bietigheim, sah sich 1921 von einer ,,Gärung der Epoche” erfasst. Wer sie verspürte, musste mit ihr um Sinn und Ziel ringen und auf den Tritt Gottes durch die Geschichte der Gegenwart horchen. Voelter, so beschrieb er es 1959 in einem Beitrag für die Blätter für Württembergische Kirchengeschichte, sah es nicht als Aufgabe an, die militärische Niederlage von 1918, den Sturz der Monarchie und wachsender Anarchie Herr zu werden.
Er sah sich vielmehr vor eine evangelisch-soziale Aufgabe gestellt, in der es ausschließlich darum ging, auf die Kämpfe um Volk und Kirche einzugehen.

,,Was uns beseelte, war ein inneres Muss, ein Gottesruf, dem wir Folge zu leisten hatten”.

Der im Jahre 1877 in Neckargröningen geborene Pfarrerssohn Johannes Stephanus Benedictus Voelter – genannt Hans – leistete Folge mit großer Nachwirkung.

Die Einberufung des ,,Bietigheimer Tages” war für ihn unabwendbar – auch wegen der großen drängenden Probleme in der Arbeiterschaft nach dem Ersten Weltkrieg. Seit 1919 war er Mitglied in der Landeskirchenversammlung – sie entspricht der heutigen Landessynode. Voelter sah sich dem Ideal einer staatsfreien evangelischen Volkskirche verpflichtet und wollte den „genuinen Charakter des Protestantismus“ wahren.

Bei der ersten Veranstaltung, die den Sonntag, 24. sowie den Montag, 25. April, bis nachts um 23 Uhr in Anspruch nahm, ging es vor den rund 100 Besuchern um die seelische Krise der Arbeiter und der Landbevölkerung. Schon zwei Monate später, am 26. Juni 1921, wurde zum zweiten ,,Bietigheimer Tag” ins evangelische Gemeindehaus in der Besigheimer Straße 12 eingeladen. Diskutiert wurde über das Thema ,,Schule und Weltanschauung”. Und der Gesprächsbedarf hielt unvermindert an. Nur innerhalb von sieben Monaten versammelte man sich am 22. Januar 1922 bereits zum dritten ,,Bietigheimer Tag”, auf der Tagesordnung stand das Thema ,,Mann und Frau, Liebe und Ehe, alte oder neue Wege von Geschlecht und Geschlecht”.

Der ,,Bietigheimer Tag”, so Voelter, war ,,ein Kind” der Evangelisch-Sozialen Bewegung und des Deutschen Evangelisch-Sozialen Kongresses. Voelter richtete damit den Blick auf die Zeit weit vor 1921, in der sich Christen und die sozialistische Arbeiterschaft schweigend und oft auch ablehnend gegenüber standen. Das Gespräch zwischen Evangelischer Kirche und Sozialdemokratie war damit keine plötzliche Erscheinung, sondern Ergebnis und Reaktion einer langen Vorgeschichte.

August Bebel: Christentum und Sozialismus stehen sich gegenüber wie Feuer und Wasser

Mit dem apodiktischen Satz ,,Christentum und Sozialismus stehen sich gegenüber wie Feuer und Wasser” hatte August Bebel, Begründer der organisierten sozialdemokratischen Arbeiterbewegung und ab 1892 Vorsitzender der SPD, jungen, am Sozialismus interessierten Christen frühzeitig jede Hoffnung auf ein Zusammengehen genommen. 1890 etablierte sich zwar der Evangelisch-Soziale Kongress, eine jährlich stattfindende Tagung, bei dem Theologen, Volkswirtschaftler, Politiker und Juristen soziale Probleme vom Standpunkt der protestantischen Ethik aus erörterten. Kongress-Gründer Adolf Stoecker, Pfarrer, Hofprediger und Politiker, lehnte die sozialistische Bewegung jedoch ab und wollte den wachsenden Einfluss der Sozialdemokratie zurückdrängen. Schon 1896 verließ Stoecker mit einem Teil seiner Anhängerschaft den Kongress wieder, um die ,,Kirchlich-Soziale Konferenz” zu schaffen. So kam Bewegung in die Diskussion.

DSCF9475

!. Mai 1933: Es marschieren auch die evangelischen Pfarrer in der ersten Reihe, Hans Voelter Zweiter von rechts.

Hans Voelter erlebte die Abspaltungen und Auswirkungen gesellschaftlicher Strömungen hautnah mit, war er doch von 1895 bis 1898 Generalsekretär des Evangelisch-Sozialen Kongresses.

Der Geist des Kongresses, so Voelter, sei von dem Theologen und Kirchenhistoriker Adolf Harnack, dem liberalen Politiker Friedrich Naumann sowie dem Mitbegründer der Soziologie, Juristen und Nationalökonom Max Weber geprägt gewesen. Eine richtungsweisende Kongress-Tagung fand 1909 in Heilbronn statt, wo die Pfarrer aufgefordert wurden, das Gespräch mit der Sozialdemokratie zu suchen. Dies, so die Schilderungen Voelters, geschah unter anderem durch den Pfarrer am Ulmer Münster, Reinhold Dieterich. Dieterich war der Großvater des späteren Bundesministers Erhard Eppler, der selbst 1974 und 1979 als Vertreter der Sozialdemokratie am ,,Bietigheimer Tag” teilnahm.

Am Ende des Ersten Weltkrieges mussten die Deutschen vor der Übermacht von Franzosen, Engländern und Amerikanern kapitulieren, danach war die Moral des Heeres gebrochen. Das Ende der Monarchie und des Kaiserreichs rief in der Bevölkerung kaum noch öffentliches Interesse hervor. Erst mit der Revolution 1918, ausgelöst durch Matrosen der Hochseeflotte in Kiel und Wilhelmshaven, die ihr Leben bei einem letzten ,,ehrenvollen” Gefecht gegen britische Verbände nicht mehr aufs Spiel setzen wollten, kippte die Stimmung in der Bevölkerung Ende Dezember 1918 in eine radikale Phase, weil die Angst vor Bolschewismus und politischer Anarchie gegenüber ökonomischen Existenzsorgen überwog.

,,Die Revolution von 1918 brach über das deutsche Volk mit einer unheimlichen Wucht herein”, schrieb Voelter 1962 in einem Beitrag über die Auswirkungen der Revolution auf die württembergische evangelische Landeskirche. Mit der Monarchie verschwanden auch die Staatskirche, das landesherrliche Kirchenregiment (Summepiskopat) und das königliche Konsistorium als kirchliche Behörde.

DSCF9474

Hans Voelter, als Garnisonspfarrer bei einem Gottesdienst in Heilbronn.

Mit der Bildung einer Kirchenregierung, der Einberufung einer Landeskirchenversammlung und bei den ersten Wahlen zum württembergischen Landtag am 6. Juni 1920 rückten die Kirchenfragen stark in den Vordergrund: Wird die Kirche ein Privatverein oder eine Körperschaft des öffentlichen Rechts? Wird konfessioneller Religionsunterricht möglich sein und werden kirchliche Sonn- und Festtage staatlichen Schutz genießen?

Die Grundlinien für eine neue Kirchengesetzgebung – diese trat erst am 1. April 1924 in Kraft – wurden von der Reichsverfassung bereits im August 1919 gezogen, in der der Artikel 137 drei Pfeiler schuf: Die Kirchen sollten wie bisher Körperschaften des öffentlichen Rechts sein und es sollte ihnen Selbstverwaltung sowie Selbstbesteuerung nach Maßgaben der landesrechtlichen Bestimmungen zustehen. ,,Sobald es um die Zukunft der Kirche ging, explodierten die Leidenschaften”, so Voelter.

So blieb die sozialistische Arbeiterschaft zum größten Teil den Wahlen zum Landtag fern, obwohl die der Kirche angehörenden Mitglieder der SPD offiziell aufgefordert waren, sich zu beteiligen.

Fernab all dieser Kirchenfragen hatte sich auch in Bietigheim die Lage kontinuierlich verschärft. Radikale von rechts und links versuchten, Chaos zu schüren. Innerhalb der sozialen Arbeiterschaft herrschten großen Zerwürfnissen und Enttäuschungen. Die Erwartungen vieler Arbeiter stießen sich an der Bürokratie und dem starren ,,Heer-im-Hause-Standpunkt” der Unternehmer. Unterschwellig gab es eine starke Unruhe. Lebensmittel und Wohnraum wurde knapp. Es gab wachsende Arbeitslosigkeit sowie Preisauftrieb und die Löhne reichten bei weitem nicht mehr aus, damit sich die Familien ausreichend ernähren konnten, Protestversammlungen waren die Folge.

In diesen unruhigen Zeiten setzte Pfarrer Voelter 1919 die im Krieg begonnen Bemühungen der evangelischen Kirche fort, einen sozialen Ausgleich zu schaffen. Ihm stellten sich die Fragen, was die Kirche tue und wie man mit ihrer Botschaft an die ,,verwirrten Gemüter” herankomme. Voelter organisierte schon ab 1920 Volksbildungsabende und bezog öffentlich Stellung zu den Problemen.

1921 wurde in Bietigheim die ,,Gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft” gegründet. Ziel war es, die Wohnungsnot zu beseitigen. Im gleichen Jahr wurde der Mieterverein gegründet, der die Interessen der Mieter wahrte und der bereits bestehende Konsumverein bemühte sich in drei Filialen um die Verbesserung der Versorgung der Bürger mit Lebensmitteln. In den Betrieben gab es nun Betriebsräte und die Gewerkschaften bemühten sich, die Bildungsarbeit für die Arbeiter wieder aufzunehmen.

bietigheimertag logo

Aktuelles Logo für den „Bietigheimer Tag“.


In diesem sozialen und politisch immer noch unruhigen Umfeld griff Hans Voelter mit dem ,,Bietigheimer Tag” Themen auf, die eine Verbindung zwischen der Arbeiterschaft und der Kirche herstellen sollte.

Natürlich, so Voelter in einem Rückblick 1971, habe es zunächst ein starkes Misstrauen auf beiden Seiten gegeben. Bei den Veranstaltungen ging es oft stürmisch zu, auch hart auf hart, weil Gegensätze und Probleme nicht verschleiert wurden. Hinzu kam, dass Voelter als Vorsitzender des Landesverbandes der Evangelischen Arbeitervereine das Vertrauen der Arbeiterschaft besaß, aber auch als Mitglied der Evangelischen Landessynode auf den Rückhalt jener Prälaten setzen konnte, die sozialen Frage offen gegenüber standen. ,,Die Kirche hat eingesehen, dass die Arbeiterbewegung nicht einfach des Werk bösartiger Agitation ist, sondern die notwendige Folge des kapitalistischen industrialisierten Zeitalters. Der Schrei der Massen”, dies erkannte Voelter, ,,verlangt nicht nach Brot, sondern nach Geltung, Aufstieg und geistiger Teilhabe”. So war der ,,Bietigheimer Tag” von Anfang an ein neutraler Boden, auf dem sich die verschiedenen Gruppen, die fast bis zu einem unüberwindlichen Gegensatz aneinander geraten waren, zur sachlichen Aussprache treffen konnten.

,,Die Zeit war reif und drängte zur Tat”, beschrieb Voelter diese Aufbruchstimmung. Bis 1929 übte der ,,Bietigheimer Tag” mit seinen Themen, als auch den Referenten, eine wachsende Anziehungskraft aus, weil Gesprächsbedarf vorhanden war. Dabei konnte Voelter beobachten, wie sich Kirche und Sozialdemokratie zwar veränderten, aber für eine echte Zusammenarbeit die Zeit noch lange nicht reif war.

Bi-Bi_Stadtkirche

Die Bietigheimer Stadtkirche.

Von kirchlicher Seite aus wandte man sich verstärkt jenen Fragen zu, die die kapitalistische Wirtschaft mit sich brachte, blieb aber in den eigenen Reihen im Ringen um den richtigen Weg weiter zerstritten. Die Sozialdemokratie berief sich auf den dialektischen Materialismus, einen Materialismus, der atheistisch und jeder Religion ablehnend gegenüber stand.

Deutlich wurde dieser immer noch bestehende Schnitt bei der zehnten Veranstaltung des ,,Bietigheimer Tages” Ende April 1929. Erneut unter der Regie von Hans Voelter, trafen Friedrich Wilhelm Sollmann, im Krisenjahr 1923 für vier Monate Reichsminister des Innern in den Kabinetten von Gustav Stresemann, und der in Württemberg bekannte Pastor Paul Le Seur aufeinander.

Voelter war seit Mai 1923 zwar als erster Stadtpfarrer an die Friedenskirche nach Heilbronn gewechselt, blieb Bietigheim aber weiterhin tief verbunden,

Sollmann begründete bei der Veranstaltung die Notwenigkeit des Klassenkampfes und betonte die ,,Unversöhnlichkeit des Klassengegensatzes” zwischen der bürgerlichen und sozialistischen Welt. Seine These: Die Gegenwart ist Klasse, die Zukunft soll Volk sein! Pastor Le Seur anerkannte die hohen Ziele des Proletariats, verwies jedoch auf die redlichen und hohen kulturellen Ziele ausgerichtete Gesinnung nicht weniger Unternehmer. Er warf die Frage auf, ob die Vergesellschaftung der Produktionsmittel vom Egoismus befreie und ob der Klassenkampf nicht auch eine Kollektivselbstsucht in sich berge. Das Evangelium, so der Kirchenmann in dem Streitgespräch, biete keine volkswirtschaftlichen Theorien, verurteile aber alles, was den Menschen an Leib und Seele verderbe. Die Arbeitsfelder der Kirche dürften weder in die Hände des Staates noch der Parteien geraten, sondern nur christlich ausgerichtet sein. Seine These: Die persönliche Stellung zum Klassenkampf muss allein das eigene Gewissen entscheiden.

Im Mai 1931 wurde beim ,,Bietigheimer Tag”, zehn Jahre nach seiner Gründung, über das Thema ,,Menschbildung von heute” diskutiert. Es war der letzte Meinungsaustausch dieser Art auf öffentlicher Bühne. Das gesamte gesellschaftliche System wurde zwei Jahre später von den Nationalsozialisten zerschlagen und missbraucht. In den Konzentrationslagern starben Christen wie Sozialisten, der Krieg machte keine Klassenunterschiede, sondern Menschen aus allen Schichten und Konfessionen zu Opfern.

So sollte es 17 furchtbare Jahre andauern, bis der ,,Bietigheimer Tag” am 22. Juni 1948 wieder aufgenommen werden konnte, erste Anregungen dazu gab es schon 1946. Hans Voelter war bis 1939 in Heilbronn, anschließend bis 1947, im 70. Lebensjahr, Dekan in Brackenheim. Nach wie vor war er an der Organisation der Gesprächsreihe beteiligt und fand mit Karl Mai, ab 1948 Bürgermeister und ab 1967 Oberbürgermeister von Bietigheim, eine wohlwollende Unterstützung.

Zum Auftakt wurden im Jahre 1948 Gemeinsamkeiten heraufbeschworen. Der Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Theophil Wurm, sagte in seiner Predigt, dass man einander die Sünden vergeben und die großen Aufgaben der Gegenwart erfüllen müsse. Ein weiterer prominenter Gast beim ,,Bietigheimer Tag” war Landtagspräsident Wilhelm Keil. Er sprach sein Bedauern darüber aus, dass es nicht schon früher eine Arbeitsgemeinschaft zwischen Kirche und Arbeiterschaft gab, die Katastrophe von 1948 hätte so verhindert werden können. Auf diese Versäumnisse wies auch der Begründer und Leiter der Evangelischen Akademie Bad Boll, Dr. Eberhard Müller, hin. Die Kirche, so die Selbstkritik, habe mit ihrer Predigt immer den Einzelnen gemeint, aber vergessen, dass sie einen Auftrag an die Welt und ihre Ordnung hat.

DSCF9473

Bundespräsident Theodor Heuss (rechts) überreicht 1957 Hans Voelter das Bundesverdienstkreuz.

In den folgenden Jahren änderte sich der ,,Bietigheimer Tag”. Während man sich zwischen den Weltkriegen auf beiden Seiten unversöhnlich und auf Positionen beharrend gegenüberstand, waren die Veranstaltungen ab 1948 zunächst von Annäherung, dann Verständnis und schließlich einer gegenseitigen positiven Wertschätzung geprägt. Dabei wurde nicht vergessen, dass sich im Lauf der Jahre manche diskutierten Themen überlebt oder erfüllt hatten, manches bleib auch bislang ungelöst. Voelter formulierte es grundsätzlicher: Die Wandlung sei auch dadurch bestimmt, dass die Kirche durch den Kirchenkampf als geistig-politische Potenz ein ganz anderes Gewicht gegenüber den politischen Gewalten gewonnen habe als zuvor.

Ein personeller Wandel kündigte sich im Jahre 1955 beim ,,Bietigheimer Tag” an. Dekan i. R. Hans Voelter, zu diesem Zeitpunkt 78 Jahre alt, wollte sein jahrelanges Amt als Initiator niederlegen, um künftig nur noch als Inspirator zu wirken. Seine Wahl fiel auf Prof. Dr. Otto Gönnenwein, Landtagsabgeordneter und Universitätsprofessor in Heidelberg, der 1956 zum ersten Mal an der Traditionsveranstaltung in der Aurain-Festhalle teilnahm.

Zum 25. ,,Bietigheimer Tag” im April 1958, gesprochen wurde über ,,Kirche in der Demokratie – Demokratie in der Kirche”, trat Hans Voelter selbst als Referent vor die Gästeschar, darunter der frühere Landtagspräsident Wilhelm Keil, der sich öfters in Bietigheim aufhielt. Voelter verblüffte seine Zuhörer, als er sagte, dass er als Pfarrer der ,,alten Generation” nichts Neues zu erzählen wisse. Aber als ein Mensch, der die Katastrophen mit offenen Augen miterlebt habe, könne er an Beispielen der Bibel den Weg weisen, der zu einer besseren Gemeinschaft führen könne.
Er erinnerte an das Bibelwort ,,Einer trage des anderen Last”, dessen Verwirklichung fast unlösbare Probleme der Zusammenlebens lösen könne. Der Kampf um die Menschheit sei nur zu gewinnen, wenn man den Menschen entdecke. Voelter mahnte zum Thema ,,Demokratie in der Kirche” eindringlich, es müsse mit der „Pastorenkirche“ endlich Schluss gemacht und alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, um das Vertrauen des Volkes zu gewinnen. Schon Anfang der 1950er-Jahre formierten sich die Laien in der Evangelischen Kirche. Den Kirchentag sollte es ständig geben, war als als Dauereinrichtung und neues Organ des deutschen Protestantismus gedacht.

 

In der Grundordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland war der Kirchentag nicht vorgesehen. Für die „Pastorenkirche“ hatte er Züge eines ungesetzlichen Laienaufstandes und entsprach nicht der geistlichen Hierarchie der Kirche.

Niemals, so die Kritik von Voelter, dürfe man sich vom Sog der Uniformierung und Kollektivierung erfassen lassen. Die von allen gestellte bange Frage nach der Zukunft sei letztendlich auch die Frage nach der Zukunft der Kirche.
Auch 1961 schaltete sich Voelter in die Diskussion zum Thema ,,Staat und Kirche in evangelischer Sicht” ein. Er habe schon im Vorfeld Zweifel gehabt, ob das Thema zum ,,Bietigheimer Tag” nicht etwas abseits liege – um dann die Kirche deutlich abzugrenzen und zu positionieren. Wohl sei die Kirche im Sinne Luthers Hüter der Ordnung, aber nicht der göttlichen Ordnung. Gottesherrschaft, so Voelter, sei etwas anderes, sei Gnade und Liebe. Die Kirche habe in Zeiten des Nihilismus, also der Verneinung einer jeglichen Gesellschaftsordnung, geistige Kräfte auszustrahlen und trage damit auch zu einem ,,richtigen” Staatsgefühl bei. Der demokratische Staat, so Voelters Fazit, könne nur lebensfähig bleiben, wenn sich ihm alle dienenden Glieder zur Verfügung stellen.

So konsequent Voelter argumentierte, so konsequent forderte das Alter seinen Tribut. 1964 konnte er aus gesundheitlichen Gründen erstmals seit 1921 nicht am ,,Bietigheimer Tag” teilnehmen. 1967 ließ der 90-jährige Voelter seine ständige Verbundenheit durch Grüße und Wünsche bekunden, die Veranstaltung konnte er nicht besuchen. In diesem Jahr war auch der SPD-Politiker Claus Weyrosta in der Aurain-Festhalle dabei, der, zunächst in einem Arbeitskreis unter Leitung von Pfarrer Erwin Mickler bei der Organisation mitwirkte, sich später immer stärker engagierte und schließlich die Vorbereitungen übernahm.

1971, rund 18 Monate vor seinem Tod, schrieb Hans Voelter den ,,lieben Freuden” des ,,Bietigheimer Tages” zum 50-jährigen Jubiläum eine Grußbotschaft. ,,Nun aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt, wir gehn an unseres Meisters Hand und unser Herr geht mit”.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 25. Mai 2015 von in Hirnfutter und getaggt mit , , , , .

Folge mir auf Twitter

%d Bloggern gefällt das: