Palitzsch

See you, see me.

„Lügenpresse“: Die Welt ist eine Scheibe

Nach über 35 Jahren im Zeitungsgeschäft muss ich mich nun mit dem Wort „Lügenpresse“ beschimpfen lassen. Dabei gab und gibt es schon einen Vorgänger. Der heißt einfach „die Presse“. Glaubt nicht, was in der Zeitung steht, diese verlogenen Schmierer sind eh gekauft. „Die Presse“ wurde in den letzten Jahren immer stärker als abwertender Begriff eingesetzt, der pauschal einem individuellen Unwohlsein gleichgesetzt wird. Dies ist nicht erst seit Stuttgart 21 so. Über „die Presse“ wird schwadroniert, geschimpft, gelästert. „Die Presse“ ist nur dann gut, wenn sie Honig um den Bart schmiert.
PEGIDA-Anhänger haben in den sozialen Netzwerken erklärt, der Lügenpresse nicht zu glauben, dass der Begriff „Lügenpresse“ zum Unwort des Jahres gewählt wurde. Das ist – bei aller Dummheit – konsequent. „Ich gehe davon aus, dass in Wahrheit das Wort ‚Islam‘ zum Unwort des Jahres gewählt wurde und uns das nur verschwiegen wird“, verkündete eine PEGIDA-Anhängerin. Au Backe.
Ein Blick in die Geschichte: Mit „Lügenpresse“ wurde in der Weimarer Republik eine Presse bezeichnet, die als unpatriotisch verstanden wurde und in der die damaligen deutschen Interessen angeblich zu wenig vertreten wurden. Hitler benutzte den Begriff schon 1922, um die deutschen Medien zu diffamieren.
Auch in der DDR war häufig von der „westlichen Lügenpresse“ die Rede, ein Begriff, der stets dazu diente, die Presse als Gegner der eigenen Ziele darzustellen und ihr mit dem flankierenden Begriff „Lüge“ die Legitimation zu entziehen.
Zurecht ist „Lügenpresse“ das Unwort des Jahres. „Eine solche pauschale Verurteilung verhindert fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit, deren akute Bedrohung durch Extremismus gerade in diesen Tagen unübersehbar geworden ist“, sagt die Sprachwissenschaftlerin Nina Janich, Vorsitzende der Jury, die das Unwort gekürt hat.
Übrigens: Ich arbeite nach all den Jahren immer noch gerne bei der „Lügenpresse“. Und zwar so, wie ich es ganz alleine für richtig halte. Warum? Weil ohne Zeitungen, ohne die vielen Kolleginnen und Kollegen, die sich täglich beschimpfen und diffamieren lassen müssen, PEGIDA-Anhänger und S 21- Gegner immer noch glauben würden, die Erde sei eine Scheibe.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13. Januar 2015 von in Medien.

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