Palitzsch

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Rätselhafte Bücher

„Das Schiff des Theseus“ stammt von V.M.Straka – nur gibt es diesen Schriftsteller gar nicht. Ein literarisches Rätsel ist auch B. Traven. Steven King war Richard Bachmann, es gibt ein ganzes Buch ohne den Buchstaben e und ein mittelalterliches Manuskript, das bis heute nicht entschlüsselt ist. Ein Blick in rätselhafte Bücher.

Lesend verlaufen

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Das Schiff des Theseus“ gilt als eines der schönsten Bücher des Jahres 2015. Auf antiquarisch getrimmt bekommt der Leser ein „Leihexemplar“ aus einer Bücherei an die Hand, die Leihfrist endete im Oktober 2000, verliehen wurde das Buch laut erstmals 1957. Allerdings ist in diesem Buch nichts, wie es sein sollte. Noch bevor sich der Übersetzer F.X.Caldeira mit einem Vorwort an den Leser wendet, in dem er erklärt, wer Autor Straka ist, stößt man auf Jennifer und Eric, zwei Studenten, die das Buch mit Randnotizen vollgeschrieben haben. So öffnen sich in „Das Schiff des Theseus“ gleichzeitig mehrere Leseebenen. Zum einen der Binnenroman an sich, in dem ein Gedächtnisloser auf Selbstfindungsreise geschickt wird, daneben die Geschichte der beiden Studenten sowie eine gewaltige Lesewelt in den Anmerkungen. Dazu kommen verschiedenfarbigen handschriftlichen Marginalien, Bibliothekssiegel, Stempel, Zeitungsausschnitte, Postkarten, Briefe, Unterstreichungen, Zeichnungen auf Servietten, Fotografien und Verschmutzungen. Freilich, dieses Buch – in dem man sich lesend verlaufen kann – mit seinen vielen Rätseln zu entschlüsseln, kostet viel Kraft und Zeit, wie es einst Umberto Eco mit seinem Roman „Der Name der Rose“ und seinen vielen geschichtlichen Hinweisen abverlangte. „Das Schiff des Theseus“ ist wahrlich keine leichte Bettlektüre, bei den vielen Zugaben, die zwischen den Seiten wohl am richtigen Platz bleiben müssen, auch gar nicht möglich. Trotzdem, ein haptisches Vergnügen ist dieses Buch allemal.


Kein Grab von B. Traven

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Wer war der Schriftsteller B(runo). Traven? Karl. S. Guthke hat dazu in der Büchergilde Gutenberg 1987 eine über 800-seitige „Biografie eines Rätsels“ veröffentlich. Guthe präsentiert dem Leser zahlreiche Fotos und Dokumente, die seine jahrelangen Recherchen belegen. Darunter auch ein Buch des Reporters Gerd Heidemann mit dem Titel „Postlagernd Tampico“. Ganz nebenbei: Heidemann selbst wurde durch den Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher beim Stern weltberühmt. Weitere Bücher über B. Traven folgten immer wieder. Traven hat nach dem Ersten Weltkrieg Spuren in der Münchener Räterepublik hinterlassen. Dann verschwand er und tauchte nach Jahren in Mexiko auf. Eines der berühmtesten Bücher von Traven, „Das Totenschiff“, erschien 1926. Darin erzählt er von den Torturen einiger Seeleute, die zwischen Waffenschmugglern und Versicherungsbetrügern ihrem Untergang immer näher kommen. Geblieben ist von B. Traven nicht einmal ein Grab: 1969 wurde seine Asche von einem Flugzeug über dem mexikanischen Bundesstaat Chiapas verstreut.

 

Buch ohne E und e

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Im Jahr 1969, als Resultat aus einer Wette entstanden, taucht in Georges Perecs wohl außergewöhnlichstem Werk „La Disparition“ (dt. „Anton Voyls Fortgang“) kein einziges Mal der Buchstabe E auf. Der Roman zeigt, was mit Sprache möglich ist, wenn nicht mehr der Autor erzählt, sondern – durch das Korsett einer strengen Regel – die Sprache selbst. Zwischen Revolutionskomödie, Rätseln, die auf Rätsel folgen, und turbulenter Kriminalparodie schimmern Gewaltexzesse und der nackte Terror hervor. Doch der Terror, der hier herrscht, hat Methode, und zwar linguistische Methode, indem er durch Sprachmanipulation entsteht. Und so manifestiert sich das allmähliche, fast ausnahmslos grausame Verschwinden einer ganzen Sippe im verschwundenen Buchstaben. Im Nachwort zitiert Übersetzer Eugen Helmlé Raymond Queneau. Die Häufigkeit der Letter W ist im Englischen 0,02, der Schwierigkeitsgrad eines Textes ohne W liegt somit bei 2. Die Häufigkeit eines Textes mit 100 Wörtern ohne E liegt im Deutschen bei 13. Legt man diese Berechnung an, ist Perecs mit seinem Roman eine erstaunliche Leistung gelungen, da er mit rund 85.000 Wörtern einen Schwierigkeitsgrad von 11.000 erreicht hat.


250.000 Rätsel auf 246 Seiten

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Der Voynich-Code ist, trotz vieler anderer Bekundungen im Internet, nicht geknackt. Das Buch, das in den Bibliothek Bibliothek von Yale ruht, hat 246 Seiten, jede 15 mal 23 Zentimeter groß. Jede Seite eng beschrieben 250.000 rätselhafte Zeichen, versehen mit seltsamen Symbolen, Figuren und Pflanzen. Seit der Antiquar Wilfried Voynich dieses Buch 1912 in Italien entdeckt und nach England gebracht hat, versuchen Scharen von Linguisten und Kryptologen dieses Manuskript zu entschlüsseln. Einige erkennen darin eine mittelalterliche Alchemisten-Rezeptur für den sagenumwobenen Jungbrunnen oder den Schlüssel für den Stein der Weisen. Andere halten es für ein Geheimdokument aus der Zeit der europäischen Religionskriege, in denen verbotenes Wissen über Optik und Astronomie verborgen wurde. Roger Bacon, der große Universalgelehrte des 13. Jahrhunderts, wäre ein vielversprechender Kandidat für die Autorenschaft. Wunschdenken, solange die Schrift nicht entschlüsselt ist. Und auch kein Wunder, dass diese Schrift in Dan Browns Mystery-Bestseller „Das verlorene Symbol“ eine Rolle spielt. Das Buch von Gerry Kennedy und Rob Churchill „Der Voynich-Code“ bietet einen gelungenen Einstieg in eine Buch, das niemand lesen kann. „Der Blitzschlag hatte mich längst getroffen“, so Kennedy nach seiner ersten Begegnung mit dem Manuskript.

 

Horror der zweiten Ebene

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Richard Bachman ist ein Pseudonym, unter dem der Schriftsteller Stephen King bislang sieben Romane veröffentlicht hat. Über Bachman gibt es eine fiktive Biografie. Am 9. Februar 1985 brachte die Tageszeitung „Bangor Daily News“ die Schlagzeile: „Fünf King-Romane durch ein Pseudonym zum Mysterium gemacht“. Bereits kurze Zeit später finden sich alle Bachman-Bücher in den Bestsellerlisten wieder. Allein bei dem Roman „Der Fluch“, der mit einer Auflage von 28.000 Stück kommerziell durchaus erfolgreich war, verzehnfachte sich die Auflage. Nach „Carrie“, „Brennen muss Salem“ und „Shining“ befürchte King, der Markt würde zu schnell übersättigt. Er wollte, „dass Bachman sich im Hintergrund hielt“, und testen, ob sich seine Romane auch verkaufen, wenn nicht „King“ auf dem Cover steht. Empfohlen sei „Der Fluch“, das fünfte Buch von Bachman alias King, und der auch zur Enttarnung seines Pseudonyms führte. Zum Inhalt: Billy Halleck ist ein erfolgreicher Anwalt, liebt seine Frau und seine Tochter – und gutes Essen. Dann fährt er eine alte Zigeunerin tot. Und wird, als er vor Gericht straflos davonkommt, von ihrem Vater verflucht. „Dünner“, flüstert der alte Mann. Von diesem Tag an nimmt Billy ab, trotz der wie üblich riesigen Essensportionen. Seine anfängliche Freude darüber verwandelt sich in Angst und bald Panik, als er sich immer mehr dahinschwinden sieht. Und schließlich ist er so verzweifelt, dass er sich auf ein letztes gefährliches Spiel einlässt.

 

Hier als Ergänzung noch eine kleine Galerie mit Blick in und auf die rätselhaften Bücher:

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 28. Dezember 2015 von in Medien und getaggt mit , , , , , , , , , .

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