Palitzsch

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Zur vordersten Garde berief ihn der himmlische Feldherr

Vor 120 Jahren trat Gottlob Zündel in Großingersheim seinen Dienst als evangelischer Pfarrer an. Der brave Gottesdiener war ein leidgeprüfter Mann.

Das Pfarramt in Großingersheim war für Gottlob Zündel die letzte Stadtion eines beruflich reichen Lebens, dessen privaten Seiten allerdings von heftigen emotionalen Schlägen erschüttert wurde. Im Oktober 1840 als Sohn eines Tuchmachers in Nagold geboren, fühlte sich Zündel schon früh zum Dienst für Gott berufen. „Zur vordersten Garde berief ihn der himmlische Feldherr“, hieß es bei seiner Beerdigung am 25. November 1912 in Tübingen.

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Gottlob Zündel.

1865 wurde der 25-Jährige von der Basler Missionsgesellschaft in das westafrikanische Togo per Schiff „ausgesandt“. Abgeleitet vom Missionsbefehl Jesu: „Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker. Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe“ setzte sich die Gesellschaft für die Ausbildung und den Einsatz von Missionaren ein. Den schwäbischen Basisarbeitern in Afrika wurde neben dem biblischen Missionsbefehl auch eine Instruktion mit auf den Weg gegeben: „..auf jedem eurer Schritte in der Negerwelt es keinen Augenblick zu vergessen, wie übermütig und schändlich seit Jahrhunderten die armen Neger fast durchgängig von Menschen, die sich Christen nannten, behandelt worden sind … und wie viel unter ihnen gutzumachen ist.“ In einem in Basel ausgestellten Zeugnis vom 8. April 1865 erhielt Gottlob Zündel im Vorfeld seiner missionarischen Tätigkeit die besten Beurteilungen. „Fleiß: gut, Latein: Ziemlich gut bis gut“, Predigt: Ziemlich gut“, heißt es in seiner Personalakte, die sich im Landeskirchlichen Archiv in Stuttgart befindet.

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Minna Zündel.

Im Januar 1868 heiratete Zündel im Küstenort Keta die gleichaltrige und ebenfalls nach Westafrika ausgesandte Minna Herrmann aus Münsingen. Der schwäbische Missionar war nach der Hochzeit in Ho, Teil der deutschen Kolonie Togoland, im Einsatz. Er lehrte als Seminarleiter und übersetzte den Römerbrief. Im Großingersheimer Pfarrarchiv gibt es Übersetzungen in die westafrikanische Sprache Ewe, die einen Hinweis geben, dass Zündel ihrer mächtig war.

Kurz nach der Hochzeit musste das Paar vor den Aschanti fliehen, eine der ethnischen Gruppen in Afrika, die gegen die europäischen Invasoren Widerstand leisteten. Sie zerstörten Zündels Station, das Ehepaar entkam dabei nur knapp den Tode.

In ihrem Zufluchtsort Anyako, eine dem westafrikanischen Festland vorgelagerte Insel, brachte Minna Zündel ihr erstes Kind zur Welt. Sie sollte bis 1873 noch weitere fünf Kinder bekommen, die alle im Säuglingsalter starben. Gesundheitliche Probleme, Zündel hatte ein Magenleiden, der Tod seines ersten Sohnes, das afrikanische Klima, der schwache Zustand seiner Frau und die feindlichen Auseinandersetzungen – gegen die Aschanti wurden bis 1896 Kriege geführt – zwangen das Ehepaar 1870 schließlich zur Rückkehr ins Schwäbische. Es sollte ein Abschied für immer sein, eine erneute Ausreise nach Westafrika wurde Zündel ärztlich untersagt.

Nach Stellen in Ödenwaldstetten auf der Alb und Oberwälden, ein Teilort von Wangen, kam Gottlob Zündel als Pfarrer schließlich 1897 nach Großingersheim. Residiert haben die Pfarrer der Gemeinde damals im Pfarrhaus in der Mühlstraße, das in den 1840er Jahren gebaut wurde. Zündel folgte auf Pfarrer Immanuel Erhard Völter, seit 1882 im Amt, und der in den Ruhestand verabschiedet worden war. Die Amtszeit Zündels lässt sich ziemlich genau eingrenzen, so Michael Harr, evangelischer Pfarrer in Großingersheim. Die erste Taufe, die der ehemalige Missionar in Großingersheim hielt, war am 23. Mai 1897, die letzte seines Vorgängers Völters am 9. Mai. Die letzte Taufe Zündels war am 10. Oktober 1909, die erste seines offiziellen Nachfolgers Georg Rau am 4. September 1910. In der Zeit dazwischen war in Großingersheim ein Amtsverweser tätig. Schon vor seiner ersten Taufe war Zündel mit den Aufgaben eines Pfarrers betraut. Dazu zählten die Gottesdienste, die Seelsorge, Religionsunterricht und die „Kasualien“, also Amtshandlungen wie Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen.

Ein Mann voller Herzensgüte

Seinen Ruhestand verbrachte Gottlob Zündel ab 1909 in Tübingen, ein Jahr später mussten er und seine Frau auch noch den Tod einer erwachsenen Tochter hinnehmen. Im selben Jahr wurde er für seine Verdienste mit dem Ritterkreuz Erster Klasse des Friedrichsordens ausgezeichnet. Zündel war schwer erkrankt und pflegebedürftig, als er im November 1912 starb. Zu seiner Beerdigung am 25. November reiste auch der Großingersheimer Schultheiß Robert Sieber, von 1909 bis 1945 im Amt, nach Tübingen. „Ein Mann, voller Herzensgüte, hat er wahre Nächstenliebe nicht bloß gepredigt, sondern in hohem Maße selbst geübt“, sagte Sieber in seinem Nachruf am Grabe des Verstorbenen. Minna Zündel überlebte ihren Mann nur wenige Monate und starb am Gründonnerstag 1913 an einer Lungenentzündung.

INFO Anders als in der katholischen Kirche gab es in der evangelischen Kirchen zunächst keine Missiontätigkeit. Man vertrat die Meinung, der Befehl Jesu: „Gehet hin in alle Welt“, sei ein „privilegium personale“, ein ausschließliches Privileg seiner ersten Jünger gewesen. In den Länderkirchen organisierte man sich deshalb in Vereinen, so entstand 1815 in Basel die „Evangelische Missionsgesellschaft“. Es war nicht die christliche Obrigkeit oder die Kirche, die Gottlob Zündel nach Westafrika schickte, sondern die Missionsgesellschaft. Ungewöhnlich sei, so der Großingersheimer Pfarrer Michael Harr, dass Zündel dort fast sechs Jahre lang durchgehalten habe. Den damals ausgesandten Missionaren habe man wegen der Umstände lediglich noch eine Lebenszeit von zwei Jahren zugestanden.

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